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Öko-Ackerbauern im Norden entwickeln Konzepte

Der Beitrag fasst die Diskussion einer Tagung in Neumünster zum ökologischen Marktfruchtbau im Norden zusammen. Im Fokus stehen Nährstoffversorgung, Kleegrasnutzung, Hederichbekämpfung, Zuckerrüben und die Vermarktung von Umstellungsware.

1. August 2018 Presse-Artikel Ulrike HoffmeisterAckerbau
Öko-Ackerbauern im Norden entwickeln Konzepte

Vor allem die Nährstoffversorgung treibt Landwirte mit Bio-Marktfruchtbau in Norddeutschland um. Die Vermarktungsstrukturen sind gut.

Titelfoto zum Beitrag: Öko-Ackerbau im Norden.

Das Umstellungsinteresse im Norden wächst. Ein wichtiger Grund sind die guten Erzeugerpreise. Einfach ist der ökologische Ackerbau dort allerdings nicht. Besonders die bedarfsgerechte Stickstoffversorgung des Getreides fordert die Öko-Landwirte heraus. 80 umstellungsinteressierte Landwirte, Öko-Landwirte, Berater und Vermarkter diskutierten auf der Tagung „Bio-Marktfruchtbau im Land zwischen den Meeren“ in Neumünster die besonderen Anbaubedingungen im Norden, die Auswirkungen des Klimas und des aktuellen Wetters. Betrachtet man den Anteil der Öko-Flächen, so liegt der Norden unter dem Durchschnitt: 3,9 Prozent in Niedersachsen, 5,7 Prozent in Schleswig-Holstein. Lediglich Mecklenburg-Vorpommern macht eine Ausnahme mit 10,4 Prozent Ökolandbau und liegt über dem Bundesdurchschnitt von 8,2 Prozent. Das hat strukturelle Gründe. Der durchschnittliche Bio-Hof in Mecklenburg-Vorpommern bewirtschaftet 160 Hektar mit einem überproportional hohen Anteil von Dauergrünland. In den Ackerbauregionen des Bundeslandes ist der Öko-Anteil deutlich geringer.

Pachtpreise hoch, Erträge niedrig

Gustav Alvermann, Berater und Mitorganisator der Tagung, sieht mehrere Gründe für die Schwäche des Nordens in der Entwicklung des Öko-Ackerbaus. Die hohen Pachtpreise sind eine Bremse. Spitzenreiter ist die tierintensive Region Südoldenburg. Der Hektar Acker kostet knapp 100.000 Euro, was entsprechende Pachtpreise nach sich zieht. Ein zweiter Grund für den geringen Öko-Anteil im Ackerbau sind die guten Erträge der konventionellen Erzeugung. In Schleswig-Holstein erntete ein Landwirt im Schnitt der vergangenen Jahre über 100 dt/ha Weizen. Ein Öko-Landwirt fährt dort nur ein Drittel dieses Ertrags ein, selten die Hälfte.

Alvermann macht dafür die klimatischen Bedingungen verantwortlich. Lange Tage und kühle Nächte prägen den nordischen Sommer. Die seien, so der Berater, zwar grundsätzlich gut für den Getreideanbau. Nicht so gut seien aber die Verteilung des Niederschlags und die Temperatur. Herbst und Winter sind nass und warm, der Frühsommer ist trocken und, mit einer Ausnahme in diesem Jahr, zu kalt. Das führe im Winter zu Stickstoffverlusten und zu einem verzögerten Start im Frühjahr. Im Frühsommer, wenn das Getreide seinen höchsten Nährstoffbedarf hat, ist die Mineralisierung noch nicht richtig in Gang gekommen. „Das Bio-Getreide verhungert“, sagte Alvermann.

Der konventionelle Landwirt gleicht die klimabedingten Nachteile durch schnell wirksamen Stickstoffdünger aus. Für den Öko-Landwirt ist es komplizierter. Fruchtfolge und organische Düngung muss er detailliert planen und aufeinander abstimmen. Schnell wirkende, flüssige organische Handelsdünger wie Vinasse und Potato Protein Liquid (PPL) – Nebenprodukte aus der Verarbeitung von Zuckerrüben und Kartoffeln – sind umstritten. Vinasse und PPL stammen aus konventioneller Erzeugung. Bioland knüpft den Einsatz von Vinasse an strenge Vorgaben, sie ist nur im Gartenbau und in Dauerkulturen zugelassen.

Die Schweden machen etwas vor

Ein Blick nach Schweden zeigt, wie Ökolandbau unter ähnlichen klimatischen Bedingungen mit großer Dynamik wächst. Das Land glänzt mit 16 Prozent Öko-Fläche. Die Betriebe wirtschaften nach EU-Ökoverordnung, ohne Diskussion über die Zulässigkeit von organischen Düngern. Anbauverbände gibt es dort nicht. In den 16 Prozent verbergen sich überwiegend viehlose Betriebe mit großem Düngerhunger. Auch Vinasse wird verwendet. Hermann Leggedör, schwedischer Bio-Berater, berichtete, wie Bio-Landwirte in dem skandinavischen Land ganz selbstverständlich mit konventioneller Gülle und konventionellem Hühnertrockenkot (HTK) düngen. Weil die Wege in Schweden weit sind, spielen dort die Transportkosten von Düngern die entscheidende Rolle.

Ob es im Sinne des Ökolandbaus ist, Dünger bedarfsgerecht zuzukaufen oder ob das Ziel nicht besser sein solle, die Nährstoffe im eigenen Betrieb zu zirkulieren, diskutierten die Teilnehmer in Neumünster kontrovers. Konsens fand die gängige Praxis der Verbandsbetriebe, Kooperationen unter Ackerbauern und Tierhaltern einzugehen. Ein Betriebsleiter, der an der Tagung teilnahm, tauscht Futter gegen HTK eines Junghennenbetriebes.

Kleegras clever nutzen

Alvermann sieht im Kleegras und seiner Nutzung den zentralen Faktor für das Nährstoffmanagement im ökologischen Ackerbau. Ein Beispiel für einen Kleegraskreislauf beschrieb Landwirt Hans Richter-Harder, der ein 200 Hektar großes Gut nahe Bad Segeberg bewirtschaftet. Er kooperiert mit dem Betreiber einer Biogasanlage. Richter-Harder liefert Kleegras und bekommt Gärreste zurück. Üblich ist der Tausch auf Basis des Stickstoffgehalts. Für eine Einheit Kleegras kommt das Stickstoffäquivalent über die Gärreste zurück auf den Hof. Wie es sich denn mit den anderen Nährstoffen verhalte, mit Kali zum Beispiel, fragte ein Teilnehmer der Veranstaltung. Im stickstoffbasierten 1:1-Tauschgeschäft mit der Biogasanlage gehen 20 bis 30 Prozent Kali verloren, rechnete Naturland-Berater Andreas Jessen vor. Und Gustav Alvermann ergänzte die Antwort um die Empfehlung, die Kalidüngung für den eigenen Betrieb doch wirklich einmal genau zu rechnen. „Was wir an Nährstoffen weggeben, bekommen wir nicht zurück“, warnte er.

Neben der eigenen Tierhaltung ist das Cut-&-Carry-Verfahren eine Alternative für einen Nährstoffkreislauf im eigenen Betrieb. Der Kleegrasschnitt dient als Dünger, er wird siliert – aber ohne Folie – und im frühen Winter ausgebracht. Noch einfacher sei es, Kleegras nur liegen zu lassen und ohne weitere Behandlung auszubringen. Alvermanns „Cut & Carry easy“-Empfehlung: Den ersten Aufwuchs silieren, den zweiten früh mulchen und den dritten kurz antrocknen lassen und nach zwei bis drei Tagen mit dem Miststreuer ausbringen.

Kleegras ist der Motor des Bio-Ackerbaus. Der Ehrgeiz eines jeden Landwirtes solle es sein, gutes Kleegras zu erzeugen. „Über die Qualität entscheiden weder Mischung noch Düngung, sondern in allererster Linie Art und Termin der Aussaat“, erklärte der Berater. „Gutes Kleegras“ müsse früh gesät werden, und das Saatbett sorgfältig vorbereitet werden. „Blanksaat im August wird nichts“, mahnte er. Sie werde aber häufig praktiziert, weil es sich nach der Ernte einfach anbiete.

Auf leichten Böden Sommerungen

Berater Gustav Alvermann sieht zwei Schwerpunkte im Ackerbau der Nordregion. Auf milden Böden mit weniger als 18 Prozent Tonanteil liege er auf Sommerungen, verbunden mit Untersaaten und Zwischenfrüchten. Auf schwereren Böden seien gut gedüngte Winterungen geeignet und zweijähriges Kleegras unverzichtbar, schon um die Disteln zu unterdrücken. Dafür muss das Kleegras geschnitten werden. Die reine Mulchnutzung ist, so Alvermann, „keine gute Idee“, denn sie begünstige die Distel.

Im Marktfruchtbetrieb ist aber der Hederich das größte Problemunkraut. Die Bekämpfung ist schwierig. Eine Anregung kam von Bioland-Landwirt Albert Haake von Gut Oelbergen in Südniedersachsen. Er bekämpft Hederich nicht selbst, sondern unterstützt die natürlichen Fraßfeinde. Er drillt das Getreide zwischen Anfang und Mitte Mai. Und wenn der Hederich blüht, sind die Rapsglanzkäfer schon da. Sie fressen die Hederichblüten. Auch frische organische Substanz einzuarbeiten, könne bei der Bekämpfung hilfreich sein, meint Albert Haake. Sie heize das Bodenleben ordentlich an, das die Hederichsamen dann quasi „verfrühstückt“.

Eine andere Methode, den Hederich zu bekämpfen, ist die 33er Reihe im Band. Die Ränder werden weggehackt und mit ihnen der Hederich. „Hohe Saatstärke und exaktes Hacken inklusive häufigem Striegeln sind eine gute Strategie gegen Hederich“, ist Haake überzeugt. Auch die Scheinbestellung kann erfolgreich sein. Dazu wird Anfang April ein Saatbett bereitet. Sobald das Unkraut aufgelaufen ist, wird gestriegelt.

Landwirte und Berater diskutierten in Neumünster über die Herausforderungen des Öko-Ackerbaus im Land zwischen den Meeren. — Foto: U. Hoffmeister

Zuckerrüben wieder eine Option

Unkraut, wenn auch nicht unbedingt Hederich, ist das Hauptproblem im Zuckerrübenanbau. Und es ist der größte Kostenfaktor. Zuckerrüben müssen im Ökolandbau per Hand gehackt werden. Seit Nordzucker wieder auf Bio-Zucker setzt und Anbauer sucht, ist die Bio-Zuckerrübe im Norden wieder ein Thema. 400 Hektar Zuckerrüben wurden im vergangenen Jahr in Niedersachsen angebaut, berichtete Berater Ulrich Ebert vom Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN). Die Erträge liegen nahe bei den konventionellen, zudem komme die Zuckerrübe besser mit der nordischen Frühsommertrockenheit zu Recht als Getreide. Das KÖN hat Anbaudaten erfasst. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wirtschaftlichkeit des Zuckerrübenanbaus direkt mit dem Arbeitsaufwand des manuellen Hackens zusammenhängt. Bei einem Aufwand von im Schnitt 174 Stunden je Hektar und Arbeitskosten von 15 Euro je Stunde haben die niedersächsischen Zuckerrübenbauern im vergangenen Jahr 2.500 Euro je Hektar nur für die Unkrautbekämpfung per Handhacke investiert. Dennoch, Zuckerrüben seien spannend, wenn man kein Gemüse anbaue, urteilte Landwirtin Dr. Karoline Arnold aus Hornburg bei Wolfenbüttel. Und dann ist da noch der Körnermais, der mit vielversprechenden Eigenschaften in den Norden passt. Mais kommt mit der Frühsommertrockenheit gut zurecht, die Öko-Erträge liegen nahe bei den konventionellen. Das Kunststück im Maisanbau ist dann die Ernte. Im späten Herbst fällt im Norden der Regen, den die Landwirte zwischen den Meeren im Frühjahr immer öfter vermissen.

Wohin mit der Umstellungsware?

Wenn Ackerbauern auf Ökolandbau umstellen, brauchen sie neue Abnehmer für ihre U-Ware und später für die A-Ware. Auf der Tagung „Bio-Marktfruchtbau im Land zwischen den Meeren“ diskutierten Vermarkter und Teilnehmer, wie sich die Umstellung der Ackerbaubetriebe im Norden auf den Getreidemarkt auswirken wird. Die Vermarktungsgesellschaft Bioland SH in Neumünster, die ausschließlich mit Rohware handelt, spürt das Umstellungsinteresse deutlich und hat in diesem Jahr fünf neue Getreidelieferanten angenommen. Umstellungsgetreide wird überwiegend als Futtergetreide verkauft. Die Abnehmer für Speisegetreide, die Mühlen, hätten sich schon auf steigende Getreidemengen eingestellt, sagte Sabine Feldner, die den Getreidehandel in der Vermarktungsgesellschaft Bioland SH leitet. Sie erwartet, dass gute Qualitäten von Speisegetreide auch ihren Preis erzielen werden, besonders Hafer, Weizen und Dinkel.

Der Bioland-Landwirt und geschäftsführende Gesellschafter der Handelsgesellschaft für Naturprodukte Gut Rosenkrantz Ernst-Friedemann Freiherr von Münchhausen prophezeit ein stabiles Preisniveau für Umstellungsware und leicht fallende Preise für Futtergetreide. Die Differenz zwischen U- und A-Ware von Getreide beziffert er auf 20 Euro pro Tonne. Für Umstellungssaatgut werden jedoch A-Preise gezahlt. Von Münchhausen warnte jedoch davor, „in die Irre zu produzieren“. Einen großen Bedarf sieht er bei Leguminosen, Sonnenblumen und Raps aus Deutschland und forderte: „Wir brauchen mehr Verbandsware.“ Sabine Feldner erwartet sogar, dass regionale Bio-Ware die anerkannte Importware verdrängen wird. Einig sind sich beide bei der Bedeutung des Lagers: Ohne Lager keine Umstellung.