Neben den neun Erzeugerverbänden tummeln sich in der Öko-Szene noch einige Dachverbände und Organisationen. Conrad Thimm stellt sie vor und nennt die Probleme, die aus ihrem engen Kontakt zu den Umweltverbänden erwachsen.
Bioland, Demeter, Naturland und all die anderen insgesamt neun Bio-Verbände: Es ist schon schwierig, sich in dieser Vielfalt zurechtzufinden. Mit diesem Beitrag setzen wir noch einen drauf. Es gibt nämlich weitere Verbände und Organisationen in der Bio-Szene, als Dachverbände und im weiteren Umfeld. Auch ein »Außenseiter« gehört dazu.
Zwei Dachverbände
BÖLW ... Alle neun Bio-Verbände mit insgesamt über 15 600 Betrieben und fast einer Mio. ha gehören dem deutschen Dachverband BÖLW an. Daneben gibt es fast ebenso viele Betriebe mit »nur« etwas mehr als 0,5 Mio. Bio-ha, die als »EU-Bio-Betriebe« ohne Verband nach der Öko-Verordnung der EU arbeiten. Viele von ihnen bewirtschaften nur Teilflächen ökologisch, was nach EU zulässig ist, nicht jedoch nach den Verbandsrichtlinien. Andere haben extensive Grünlandflächen zum Beispiel in den Mittelgebirgen und vermarkten überhaupt kein Bio, nehmen aber gerne die Ökoflächen-Förderung mit. Wieder andere erzeugen Bio-Eier für den LEH ohne Verbandslabel. Neben den genannten Bio-Verbänden sind auch der Bundesverband Naturkost Naturwaren, die AÖL (siehe unten), die Interessengemeinschaft Biomärkte, die Arbeitsgemeinschaft Ökologisch engagierter Lebensmittelhändler und Drogisten sowie der Reformhaus-Verband Mitglieder im BÖLW. Als Lobbyist mit Sitz in Berlin kommentiert er die Agrarpolitik insbesondere bei Bio-Themen. Traditionell lädt er mit seinem charmanten Vorsitzenden Felix Prinz Löwenstein zur Grünen Woche am Vorabend der »Wir haben es satt«-Demo zum großen Empfang. Zur Biofach-Messe im Februar erscheinen vom BÖLW jeweils die aktuellen »Zahlen & Fakten zur Ökologischen Landwirtschaft«.
... und IFOAM. Der weltweite Bio-Dachverband IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) wurde 1972 gegründet. Dort war von Anfang an klar, dass der Ökolandbau weltweit viele Väter und Mütter, viele unterschiedliche Ansätze, Traditionen und Gesichter je nach Standort und Kultur hat. Heute gibt es IFOAM-Mitgliedsorganisationen und Förderer in mehr als 120 Ländern, von Argentinien bis China und von Kanada bis Neuseeland. Die derzeit spannendsten Entwicklungen finden in Indien statt, wo sich der Bundesstaat Sikkim offiziell zum »ersten 100 % Bio-Staat« erklärt hat. Der Sitz der IFOAM ist in Bonn, das Team von globaler Herkunft. Unter der Schirmherrschaft der IFOAM findet jedes Jahr im Februar in Nürnberg die Biofach-Messe mit 50 000 Besuchern und 3 000 Ausstellern aus 100 Ländern statt. Sie hat inzwischen fünf Ableger in Nord- und Südamerika, Indien, China und Japan. Im Brüsseler Spiel der Kräfte wird Bio von der IFOAM EU-Gruppe vertreten, deren Präsident Jan Plagge, der Bioland-Präsident, ist.
Das Umfeld
AÖL – Die Öko-Lebensmittelhersteller. Die Assoziation Ökologischer Lebensmittelhersteller AÖL wurde gegründet von bayerischen Bio-Pionieren wie Hipp, Hofpfisterei und der Andechser Molkerei Scheitz. Heute vereint sie von der Agrana Stärke GmbH bis Ziegler & Co Naturprodukte über 100 Firmen aus Europa mit einem Umsatz von rund 4 Mrd. €. Sie dient dem Austausch unter den Firmen, der Weiterentwicklung der ökologischen Praktiken und auch der Lobbyarbeit. Frühzeitig hat sie sich auch in Brüssel engagiert. Die AÖL scheut keine klaren Worte. Unter dem Stichwort »Kursierende Irrtümer« weist sie derzeit auf zehn weitverbreitete Irrtümer bezüglich der neuen EU-Öko-Verordnung hin, die 2021 in Kraft tritt. In der AÖL laufen alle Fäden beim Geschäftsführenden Vorstand Dr. Alexander Beck zusammen, der studierter Lebensmitteltechnologe und gelernter Landwirt ist.
FiBL – das private Forschungsinstitut für Biologischen Landbau. Das FiBL ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen zur biologischen Landwirtschaft. Es hat Standorte in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und eine Vertretung in Brüssel. Als seine Stärken bezeichnet es »interdisziplinäre Forschung, gemeinsame Innovationen mit Landwirten und der Lebensmittelbranche, lösungsorientierte Entwicklungsprojekte und ein rascher Wissenstransfer«. FiBL Schweiz wurde 1973 gegründet und beschäftigt derzeit über 175 Mitarbeiter. Die Finanzierung erfolgt über Auftragsprojekte der Privatwirtschaft sowie Unterstützung des Schweizer Bundes. FiBL Deutschland mit Sitz in Frankfurt ist ein wichtiger Auftragnehmer für das Bundesprogramm Ökologischer Landbau. In der Geschäftsstelle in Frankfurt arbeiten rund 30 Mitarbeiter. Dazu kommt die FiBL Projekte GmbH, an der auch Bioland, Demeter, Naturland und die Stiftung Ökologie und Landbau beteiligt sind und die u. a. die Öko-Feldtage veranstaltet. Das FiBL gibt jährlich die Betriebsmittelliste der im Ökolandbau zugelassen Mittel heraus. Der FiBL-Leiter Prof. Dr. Urs Niggli, der auch in Kassel-Witzenhausen lehrt, ist ein bescheidener, unabhängiger Kopf, dem wirksame Nachhaltigkeit wichtiger ist als Bauernhof-Romantik. In diesem Zusammenhang stellt er sogar die pauschale Ablehnung der CRISPR/Cas-Zuchtmethoden infrage. Damit steht er in der Bio-Szene allerdings ziemlich alleine da.
Ein »Außenseiter« für Geflügel
Die Bio-Initiative gGmbH ist Mitglied in der IFOAM, nicht jedoch im BÖLW. Ihre 50 Mitglieder werden also als »EU-Bio« gezählt, sofern sie keine Doppelmitgliedschaften haben. Dabei gehen die Richtlinien klar über die EU-Bio-VO hinaus und in Details auch über die der BÖLW-Verbände. So dürfen bei Legehennen ohne Ausnahmen nur Küken aus ökologischer Aufzucht eingesetzt werden, und männliche Eintagsküken müssen aufgezogen werden. Initiator war Friedrich Behrens, der aus dem Verband Biopark im Streit ausgeschieden war. Geleitet wird die Bio-Initiative von Caspar von der Crone, dem renommierten Entwickler und langjährigen Leiter des KAT-Kontrollsystems für die Eier-Kennzeichnung nach Haltungsform (0 = Bio, 1 = Freilauf, 2 = Bodenhaltung), Herkunftsland und Erzeugungsbetrieb. Die größte Mitgliedergruppe ist die Erzeugergemeinschaft Fürstenhof in Mecklenburg-Vorpommern, die die gesamte Kette von der eigenen Brüterei bis zur Vermarktung der Eier und der »haehnlein« in der eigenen Hand hat.
Wunschdenken und Realität
Bei der jährlich stattfindenden Großdemonstration »Wir haben es satt« in Berlin machen die Bio-Verbände mit einer Vielfalt an Umwelt-, Tier-, Natur- und Verbraucherschutz-Verbänden sowie Verbänden der Entwicklungszusammenarbeit gemeinsame Sache. Die meisten dieser Verbände haben jedoch mit der landwirtschaftlichen Praxis bei uns wenig zu tun und oft auch romantische Vorstellungen vom Ökolandbau. Das Denken eines unternehmerischen Landwirtes, der sich zwischen Wachsen oder Weichen entscheiden muss, ist ihnen fremd. Dass viele Bio-Landwirte in genau der gleichen Situation sind, wollen sie gar nicht wissen. Stattdessen suchen sie die »Schuld« lieber bei der Agrarpolitik, dem Bauernverband und der Agrarindustrie. Die Bio-Verbände sind hier in einer Zwickmühle: Politisch freuen sie sich über die Unterstützung durch die vielen Nichtregierungsorganisationen mit ihren idyllischen Vorstellungen zum Beispiel von 100 % Bio, vom Zusammenleben mit Wölfen und der einseitigen Propagierung von Mobilställen für Legehennen. Aus der praktischen Arbeit mit den Landwirten wissen sie aber ganz genau, dass ein Überangebot z. B. von Bio-Milch die Preise verderben würde, Wölfe auch im Biobetrieb die Feinde von Weidetieren sind und mit Mobilställen nur Direktvermarkter auskömmliche Preise erzielen. Hier tut sich ein Abgrund zwischen Theorie und Praxis auf. Die größte Herausforderung für die Bio-Verbände wird deshalb die Frage sein, wie sie die Verbindung halten zwischen den gesellschaftlichen Vorstellungen vom Ökolandbau und der Realität der Bio-Landwirte.