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Weizen-Kleber ist bei uns kein Selbstgänger!

Der Sortenratgeber-Artikel erläutert, wie Bio-Betriebe durch gezielte Stickstoffversorgung, Ertragsbegrenzung und angepasste Saatstrategien zuverlässig Kleberwerte für backfähigen Weizen erreichen können.

1. Juli 2025 Presse-Artikel Gustav AlvermannAckerbau
Weizen-Kleber ist bei uns kein Selbstgänger!

Weil wir nicht in Manitoba leben, müssen wir uns aktiv um Kleber im Weizen für eine gute Backfähigkeit kümmern. In der angesprochenen kanadischen Provinz hat der Sommerweizen eine extrem kurze Wachstumszeit. Der Ertrag kann in der kurzen Zeit gar nicht „weglaufen“ und so bleibt genug Stickstoff für die Kleberbildung über. Manitoba-Weizen war vor der Erfindung der Stickstoff-Spätdüngung zum Ährenschieben bei uns ein begehrter Import-Artikel – und ist es für spezielle Mehle noch heute.

Mit dieser Einführung ist bereits gesagt: wenn’s um Kleber geht, dann geht’s immer um 2 Faktoren:

  1. Ausreichend Stickstoff
  2. ein abgeregelter Ertrag

Der 2. Faktor leuchtet der Praxis kaum ein. Das Streben beim Ertrag geht doch immer nach oben! Zu beachten ist jedoch: Kleber im Mehlkörper wird auch als „Reserve“-Eiweiß bezeichnet. Weizen lagert nur dann Kleber ins Korn ein, wenn er beim Ährenschieben den Eindruck hat: „Stickstoff habe ich noch reichlich“. Der Stickstoff darf für die Ertragsbildung nicht voll verbraucht sein. Bei jeder Praxis-Lösung für „26% Kleber plus“ sind immer beide Faktoren beteiligt. Ansonsten würde ja auch die konventionelle Praxis nicht klagen, mit weniger Stickstoff nach Düngeverordnung wäre Backweizen nicht mehr machbar. Sie arbeitet immerhin nach wie vor mit der doppelten Stickstoff-Intensität wie der Öko-Landbau – und hat dennoch zunehmend Ärger mit der Backqualität. An die Abregelung des Ertrages über Sorte, Anbautechnik oder verhaltene Andüngung für mehr Reserve bei der Spätdüngung will keiner ran.

Die motivierte Bio-Praxis hat standortbezogen Wege gefunden, wie je nach Jahr vergleichsweise sicher Kleber gebildet wird:

November-Umbruch und sofortige Saat auf mildem Lehmboden

Wer will schon pflügen und bestellen, wenn alle anderen schon fertig und womöglich in Urlaub sind. Anders ist es kaum zu erklären, dass dieses Verfahren nicht stärker verbreitet ist. Bereits vor 40 Jahren fand Landwirt Hans-Herrman Meyer-Sahling auf seinem Sandlöss südlich von Hamburg heraus, dass er bestes Kleegras erst im November umbrechen darf, da ansonsten der im noch warmen Boden schnell verfügbare Stickstoff bei 300 mm Winterniederschlag auswäscht. Mitte November heile umgebrochen zeigt sich der Stickstoff im Boden erst ab Weihnachten und verbleibt im durchwurzelbaren Raum. Die gut mit Stickstoff versorgte Novembersaat wird obendrein noch mit einer Qualitätssorte gekoppelt, die den Ertrag um weitere 5–10% abregelt. Ergebnis: 50 dt/ha und 26% Kleber plus. Der erfahrene Bio-Ackerbauer Wilfried Denker hat auf vergleichbarem Standort südlich von Bremen gute Kleber-Werte, seitdem er auf den dezidiert späten Umbruch übergegangen ist – nach vielen Versuchen mit der üblichen aber erfolglosen Oktober-Saat.

Erst der Übergang auf heilen November-Umbruch von bestem Kleegras bringt auf handhabbarem Sand-Löss den Durchbruch beim Kleber.

Oktobersaat nach bestem 2-jährigem Kleegras mit später Gülle

Auf dem wechselhaften und meistens zähen Geschiebemergel in Ostholstein oder Mecklenburg kommen Exerzitien wie die Novembersaat schnell an Grenzen – der Boden ist in der nassen Jahreszeit nicht so einfach handhabbar. Hier bietet sich eher das klassische Bio-System mit 2-jährig genutztem Kleegras und Rückführung der Wirtschaftsdünger an. Ist das Kleegras vital – was leider viel zu selten der Fall ist – erfolgt der Umbruch gareschonend Anfang Oktober und kommt eine satte Gülle- oder Gärrestgabe ins Schossen hinzu, dann hat der Kleberwert ein Potential von „26% plus“. Alternativ ist auch – wo organisierbar – eine PPL oder Vinasse-Gabe zu Schossbeginn möglich.

Oktober-Saaten brauchen für eine solide Kleber-Option eine gute Gülle- oder Gärrestgabe ins Schossen.

Hohe Nmin-Werte auf tiefgründigem Löss

Die Magdeburger Börde ist mit Schwarzerdeböden von bis zu 100 Punkten gesegnet. Leider ist das gekoppelt mit sehr geringen Jahres-Niederschlägen von um die 450mm. Wenig Niederschlag und eine hohe nutzbare Feldkapazität von über 250mm führen dazu, dass über Winter selten etwas auswäscht. Es gehört zu den Bildungsvoraussetzungen von Schwarzerde, dass nichts auswäscht. Beides zusammen – keine Auswaschung von Stickstoff und in der Vegetationszeit wenig Regen, was den Ertrag eingrenzt – führt zu einer guten Möglichkeit, kleberstarken Weizen zu erzeugen. Ist im Herbst z.B. nach gut gedüngter und intensiv gepflegter Hackfrucht reichlich Nmin da, so ist das im Frühjahr nicht weg, sondern liegt lediglich eine Etage tiefer so zwischen 50 und 90cm. Und da kommt der Weizen mit seinen Wurzeln zum Ährenschieben noch ran – zum Wohle des Klebergehaltes. Tief liegendes Nmin wirkt quasi als Spätdüngung.

Sommerweizen wie in Manitoba

Der über Winter durchwaschende Norden hat auf mildem Land für sich den Sommerweizen als Qualitäts-Option erkannt. Eine Weißklee-Untersaat oder das Hauptfrucht-Kleegras geht grün über Winter und wird im Frühjahr intensiv z.B. per Fräse vorgerottet. Damit ist für eine gute Stickstoff-Freisetzung gesorgt. Auch eine Hühnertrockenkot-Gabe mit ausreichend langer Vorrotte ist hier angebracht. Und jetzt kommt der „Manitoba-Effekt“ ins Spiel: Der Sommerweizen wird natürlich nicht im März gesät, wie das 2025 mehrheitlich der Fall gewesen sein dürfte, sondern die Vegetationszeit wird aktiv eingegrenzt durch eine Aussaat erst ab der letzten April-Dekade. März-Saaten von Sommerweizen haben das gleiche Problem wie Winterweizen – einen guten Ertrag, aber selten Kleber.

„Weite Reihe“ als Zusatz-Möglichkeit

Der Anbau von Weizen in „Weiter Reihe“ ist eine Zusatz-Möglichkeit, dem Weizen verlässlich Kleber einzuhauchen. Die Variante kann mit sämtlichen genannten Anbau-Strategien kombiniert werden. Gut gestriegelt und gehackt baut sich in den Beständen zwischen den Reihen ein Nmin-Pool auf, der durch die Weizen-Wurzel erst spät – zum Ährenschieben – abgeräumt wird. „Weite Reihe“ heißt in diesem Zusammenhang allerdings über 40cm, besser 50cm; das haben die 8-jährigen Futterkamper-Versuche ergeben. Alles andere ist eine ertragsorientierte Engsaat.

Der Anbau von Weizen in „Weiter Reihe“ erfüllt erst oberhalb 40 cm die Erwartungen auf mehr Kleber. Im Bild: So-Weizen in 60er Einzel-Reihe Ende April gesät – Die Farbe im Schossen zeigt: Stickstoff ist da, und dann kommt auch Kleber!

Wie das vor Ort nach den gegebenen Möglichkeiten und den Betriebsleiter-Intentionen umgesetzt wird – das ist die Kür. Das Procedere lohnt sich, wenn der Backweizen mindestens 20% über Futterweizen-Niveau bezahlt wird – als Ausgleich für den eingegrenzten Ertrag zugunsten des Kleber-Wertes. Wer eine verlässliche Kleber-Variante für Weizen entwickelt, verbreitert sein Vermarktungs-Portfolio.

Gustav Alvermann – bio2030.de

Fazit: Es zeigt sich, wer normal handelt, der erntet auch normal – einen Weizen ohne Kleber. Man muß den Weizen schon aktiv dazu bringen, Reserve-Eiweiß einzulagern. Die Beispiele zeigen: Bio-Backweizen mit mehr als 26% Kleber ist möglich. Immer muss das Grundprinzip erfüllt sein – das ist die Pflicht:

  • Stickstoff rauf
  • Ertrag runter