Die Mitmachtagung von bio2030 hat aktuelle Chancen im Bio-Schweinemarkt aufgedeckt und vor Risiken nicht haltgemacht.
Schweinehaltern hagelt es weiter miese Nachrichten: Umsätze mit Fleischersatzprodukten legen zu, Emissionsproblematik, ASP, dazu teils hohe Kreditbelastungen für Stallbauten, jetzt knappe Futtermittel und hohe Preise. Die Aufzählung können Praktiker fortsetzen. In welche Zukunft muss die Branche blicken?
Als der Ukrainekrieg am 25. Februar erst einen Tag alt war, haben Landwirte und Landwirtinnen, Berater und Sprecher:innen von Verarbeitung und Handel bei der diesjährigen Online-Mitmachtagung von bio2030.de Optimismus verbreitet. Durch gute Beispiele haben sie beschrieben, wem Bio-Schweine Chancen bieten. An der Realität vorbei redete man im Plenum und in den Arbeitskreisen aber nicht. Man legte die Fakten auf den Tisch und verschwieg nicht die Herausforderungen.
Laut Veranstalter haben rund 55 Kolleg:innen überwiegend von nord- und westdeutschen konventionellen Betrieben ihre Aussichten auf die Haltung und Vermarktung von Bio-Schweinen abgewogen. Das klingt nicht nach vielen. Bedenkt man aber, dass nur 10.000 zusätzliche Mastplätze einen Sprung um etwa sieben Prozent Bio-Ware bedeuten, werden die Dimensionen klar.
Der Handel ist bereit
Handel und Verarbeitung seien bereit, größere Mengen abzunehmen, weil es die Verbraucher:innen sind, so der Tenor der Vertreter:innen von Bio-Fleisch NRW, Naturverbund Niederrhein, Marktgesellschaft Naturland Bauern AG, Schröder’s Bio-Fleisch und Wurstwaren, Der Grüne Weg Deutschland/Vion, Friland/Danish Crown, Tönnies Bio, Rewe und TransGourmet.
In der Pandemie sind die Haushaltseinkäufe von Bio-Fleisch und -Wurstwaren gestiegen, während die Käufe konventioneller Ware 2021 zurückgingen. Etwa 160.000 Mastschweine wurden 2020 durchschnittlich ökologisch gehalten. Zwischen 2020 und 2021 stieg die Menge Schweinefleisch laut AMI nur leicht von 31.100 auf 32.000 t. Die Tendenz für 2022 war zumindest bis Mitte Februar stabil.
Die leichte Euphorie am Markt dämpfen aber neue Realitäten, die sich zu den eingangs genannten hinzugesellen:
Die neue EU-Ökoverordnung verbietet seit 1. Januar konventionelles Eiweiß in Bio-Rationen weitestgehend. Lieferstopps und Spekulation lassen die Kosten für Futter- und Betriebsmittel explodieren; Baupreise haben sich in den vergangenen 15 Jahren etwa verdreifacht. Unter den Bio-Betrieben trifft die Futtermittelknappheit jene weniger, die einem Verband angehören. Die generell enger von Importen abhängigen EU-Bio-Betriebe sind stärker belastet.
Bioland hat beispielsweise ein Futtermittelsystem geschaffen, das Krisen besser antizipieren kann. Aussagen von Futtermittelherstellern zufolge könnte sich konventionelles Futter ab April um 10 Euro/dt verteuern. Das könnte sich auf die Einstallungen auswirken. Ein moderater Preisanstieg für Bio-Futter ist dann notwendig, um den Abfluss von Äckern und Lagerhallen von Bio-Betrieben in konventionelle Silos zu verhindern.
Es geht klar Richtung Qualität, Transparenz und lokale Stoffkreisläufe.
Klasse statt Masse
Doch nicht nur des Futters wegen, sondern auch, weil der Handel vermehrt auf Verbandsqualität setzt, dürften immer mehr EU-Bio-Betriebe den nächsten Qualitätssprung machen. Das Prinzip, schrittweise höhere Standards zu erfüllen, ist Teil des Geschäftsmodells des mittelständischen Schlachtunternehmens Brand in Lohne bei Oldenburg, das seit kurzem einen Bioland-Partnervertrag hat. Von konventioneller über Offenstall-Haltung will Brand Betriebe perspektivisch mit fairen Verträgen bis zur Öko-Haltung begleiten. Der konventionelle Anteil soll so sukzessive schrumpfen.
Langfristige partnerschaftliche Verträge mit garantierten auskömmlichen Preisen haben in der jetzigen Sicherheitskrise nochmals kräftig an Bedeutung gewonnen. Weil Verarbeiter und Händler sich derzeit um Bio-Schweinebetriebe reißen, befinden sich Erzeuger in einer selbstbewussten Position. Für eine noch größere Wahlfreiheit fehlen allerdings dezentrale, kleinere Schlacht- und Zerlegebetriebe. Dieses Thema ist bekanntlich ein schier unendliches und scheitert nicht selten schon am Finanzierungsplan oder der Baugenehmigung. Dies gilt ebenso für Um- und Neubauten von Schweineställen, wie Beispiele aus Weser-Ems auf der Mitmachtagung zeigten.
Gut beraten lassen
Ein Erzeugerfazit der Mitmachtagung zog Tagungsgastgeber Gustav Alvermann: „Landwirte, holt euch Berater und erarbeitet individuelle Konzepte, denn viele Hürden liegen im einzelnen Betrieb.“ Das trifft zwar grundsätzlich auf die meisten landwirtschaftlichen Unternehmungen zu, auf Schweinehalter:innen, die gerade eine Öko-Transformation prüfen, aber im Besonderen.
Auch langjährige Bio-Betriebe müssen Kurs zwischen Verbraucherverhalten, Futterknappheit und Kostenkapriolen halten. Eine zunehmende Nachfrage nach Bio-Fleisch und steigende Erzeugerpreise von derzeit über 4 Euro/kg SG sprechen einerseits für eine Umstellung. Sie sollte aber immer vom Ackerbau ausgehen, und nicht bei den Tieren beginnen, warnten Berater.
Andererseits haben die Erzeugerpreise für konventionelle Schweine zuletzt zugelegt, was die Argumente für Bio schwächen könnte. Wie und ob Verbraucher:innen dem Appell des Agrarministers Cem Özdemir nachkommen, mit eingeschränktem Fleischkonsum einen „Beitrag gegen Putin“ und für den Klimaschutz zu leisten, das muss sich beweisen. Entgegen seiner Mission werben Händler mit diskussionswürdigen Kampagnen für Fleischprodukte.
Selbstkritisch äußerten sich auch Landwirte über ihre Bio-Schweinehaltung selbst. Ob eine Futterverwertung von 1:3 noch zeitgemäß ist, stellte Dag Brodersen aus Schleswig-Holstein zur Diskussion. Sein Ziel ist es, rund 1.100 EU-Bio-Mastschweine soweit wie möglich von den eigenen Flächen zu ernähren. Er hat 2016 umgestellt und seinen Tierbestand halbiert. Seitdem habe er stabil wirtschaften können. Er setzt mit Acker- und Gemüsebau auf Diversifizierung und Kooperation.
Wer Risiken und Chancen der Bio-Schweinehaltung gut gegeneinander abwiegt und sich ein sicheres Gefühl mithilfe von Beratung erarbeitet, dem steht ein sich differenzierender Markt offen. Es geht klar Richtung Qualität, Transparenz und lokale Stoffkreisläufe. Das fordern Verbraucher:innen sowie Klima- und Umweltschutz und das gilt für Umsteller wie für bestehende Bio-Betriebe. Ferkel werden nach wie vor gesucht, bis 35 kg Lebendgewicht sind weiterhin fünf Prozent konventionelles Eiweiß zulässig.
Alle Tagungsbeiträge, Kontakte und Betriebsbeispiele der Mitmachtagung 2022 finden sich auf www.bio2030.de.