Hoher Bio-Umsatz statt viel Fläche

Hoher Bio-Umsatz statt viel Fläche

1. März 2022PublikationenConrad Thimm

Serie: Öko regional — PANORAMA | Fokus Niedersachsen

Hoher Bio-Umsatz statt viel Fläche

Zwischen Harz und Meer findet sich eine breite Vielfalt der Standorte und Betriebstypen. Das gilt ebenso für »Bio«, zeigt Conrad Thimm. Eine aktuelle Frage ist: Ergeben sich aus der Krise der konventionellen Veredlung neue Chancen für Biobetriebe?

Traditionelle norddeutsche Backsteinhöfe in Niedersachsen – typische landwirtschaftliche Gebäude der Region
Foto: landpixel

Niedersachsen hat mit 5,2 % den niedrigsten Bioflächenanteil aller Bundesländer. Aber westniedersächsische Bio-Eier sind deutsche Marktführer ebenso wie ostniedersächsische Biokartoffeln und Bioäpfel von der Niederelbe. Auch vielseitige Biobetriebe mit Milchvieh mit und ohne Kooperation mit Ackerbauern und Gemüse, handwerkliche Käseverarbeitung für regionale Märkte etc. finden wir in diesem Bundesland.

Dort bewirtschaftet der durchschnittliche Biobetrieb mit 60 ha etwas weniger als sein konventionelles Pendant (75 ha). 54 % der niedersächsischen Bioflächen sind Grünland (nur 27 % Grünland insgesamt). Ziel der Landesregierung sind 15 % Bioflächenanteil bis 2030. Das Ziel ist ambitioniert. Soweit die Statistik. Wie sieht es in den einzelnen Regionen aus?

Niedersachsen: Bio-Kennzahlen im Überblick

Bioflächenanteil Niedersachsen
5,2%
Durchschnittlicher Biobetrieb
60ha
Durchschnittlicher konventioneller Betrieb
75ha
Grünlandanteil an Bioflächen
54%
Grünlandanteil insgesamt
27%
Landesziel Bioflächenanteil bis 2030
15%

Der Norden: Milchvieh auf Grünland

In Küstennähe herrschen maritimes Klima, Grünland und Milchvieh. Lange Zeit gab es jedoch keine einzige Molkerei, die hier Biomilch abholte. Biopionieren blieb nur die eigene Verarbeitung. So ist der Hof Butendiek (150 ha und 180 Milchkühe) mit Käsespezialitäten auch heute noch erfolgreich. Er liegt im Kreis Wesermarsch mit einem Bio-Flächenanteil von 7,7 %. Mehr hat in der Region nur der Kreis Osterholz (10,2 %). Dort vor den Toren Bremens liegt die Bio-Hofmolkerei Dehlwes (275 ha, 285 Milchkühe). Sie wird von neun weiteren Milchviehbetrieben beliefert. Andere Kreise in der Region haben deutlich geringere Bio-Flächenanteile.

Die Milchleistungen sind »zu hoch«. 2016 bot die Molkerei Ammerland ihren Genossen den Aufbau einer Bio-Schiene an. Das Interesse war groß, aber tatsächlich stellten nur etwa 40 Betriebe um – das waren 2 % der 2 000 Ammerland-Genossen. Haupthindernis waren die konventionell hohen Milchleistungen von über 12 000 kg/ha. Pro Hektar? Während konventionell meist kg/Kuh gilt, ist für Bio oft die Fläche der begrenzende Faktor.

In Ackerbauregionen kooperieren Biomilchbetriebe oft mit Bio-Ackerbauern, denen sie das Kleegras abnehmen und dafür Gülle liefern. Das funktioniert bei Entfernungen von bis ca. 15 km; darüber ist der Transport zu teuer. In den reinen Grünlandregionen sind die Entfernungen zu Ackerbauern zu groß für solche Kooperationen.

Es gibt in der Region einzelne »Bio-Promotoren« wie den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband. Dennoch wird der Flächenanteil von derzeit knapp 5 % in den Grünlandregionen Niedersachsens wohl nur dann kräftig wachsen, wenn entweder der konventionelle Milchmarkt zusammenbricht, die Biomilcherzeugung wirtschaftlich viel attraktiver wird oder der Trend zur Spezialisierung auf Milchvieh auf noch unbekannte Art gebrochen wird.

Der Osten: Kartoffeln auf Sand mit Beregnung

Lüchow-Dannenberg, der östlichste Landkreis Niedersachsens, ist mit 17 % Bioflächenanteil Spitzenreiter. Auf den ersten Blick sehen die landwirtschaftlichen Bedingungen eher schwach aus, erweisen sich in der Praxis aber als vorteilhaft. Das Wendland, bekannt geworden durch seine Anti-Atomkraftbewegung, hat eine sehr geringe Bevölkerungsdichte, war früher in drei Richtungen von der DDR umgeben und ist heute noch strukturschwach und weit weg von Metropolen.

Die Niederschläge liegen im Wendland bei < 600 mm/Jahr, die Böden haben 20 bis 45 Punkte. Aber sie sind fast immer bearbeitbar, reagieren schnell und werden beregnet. Damit sind sie gut geeignet für Kartoffeln und Gemüse. Der durchschnittliche Betrieb in dieser Region bewirtschaftet konventionell über 100 ha, bio 70 ha.

Der bundesweite Biokartoffel Erzeuger Verein (BKE) hat hier seinen Sitz. In ihm sind 50 % der deutschen Biokartoffelflächen organisiert. Der Verein lud 2014 zum ersten runden Tisch mit den beiden größten Kartoffelpackern Deutschlands und LEH-Vertretern. Dort einigte man sich, dass 300 Tage im Jahr, soweit verfügbar, deutsche Biokartoffeln verkauft werden und erst ab Mitte Mai Mittelmeer-Ware. Dem schloss sich selbst Aldi an. Inzwischen trifft man sich jährlich im November und fordert 360 Tage im Jahr.

Porträtfoto von Christoph Schäfer, Landwirt aus Güstritz
Christoph Schäfer, Güstritz

30 % Bio braucht flankierende Maßnahmen für die Vermarktung.

— Christoph Schäfer

Christoph Schäfer

Landwirt, Güstritz — 400 ha Ackerland, 30–60 Bodenpunkte, < 550 mm Niederschlag, Beregnung, je 60 ha Kartoffeln und Gemüse, diverse Kooperationen

Kreis Lüchow-Dannenberg (17 % Bioflächenanteil)

Landwirt, Güstritz — 400 ha Ackerland, 30–60 Bodenpunkte, < 550 mm Niederschlag, Beregnung, je 60 ha Kartoffeln und Gemüse, diverse Kooperationen

Woher kommt der Dünger?

Ostniedersachsen ist eine vielfältige Ackerbauregion. Zwar liegt der durchschnittliche Viehbesatz bio wie konventionell bei nur 0,3–0,4 GV/ha, aber dazu kommen Biogasanlagen, Hühnertrockenkot aus Westniedersachsen und gute Kleegras- und Körnerleguminosen-Bestände. Bei weiter wachsender Nachfrage nach Biokartoffeln und -gemüse ist weiteres Bioflächen-Wachstum im Wendland und im benachbarten Kreis Lüneburg zu erwarten.

Im Nachbarkreis Uelzen hingegen werden neben Kartoffeln auch Schweine und Zuckerrüben erzeugt. So liegt dort der Bioflächenanteil bei nur 5,7 %. Ob die neue Ökomodellregion hier einen Biowachstumsschub auslöst? Hinrich Alvermann (100 ha Bio) meint: »Wer hier in der Heide konventionell 80 ha Kartoffelfläche hat, für den ist Öko die einzige Alternative. Aber wer jedes Frühjahr sieht, wie ich mit 3 m Arbeitsbreite und 4 km/h hacke, und er selbst kann konventionell auf 27 m spritzen, den hält die Arbeitswirtschaft von der Umstellung ab.«

Drei Firmen in Ostniedersachsen bieten mit ihren Marken und Private Label-Produkten regionalen Bio-Erzeugnissen bundesweite Absatzwege. Bauckhof ist Marktführer bei glutenfreien Mühlenprodukten, Voelkel bei Markenobst- und -gemüsesäften. Beide haben Demeter-Wurzeln seit den 1930er Jahren. Die Bohlsener Mühle wurde seit 1979 unter dem Motto »Kornkraft statt Kernkraft« auf Bio umgestellt. 1982 kam eine Bäckerei dazu. Heute gehört sie zu den führenden deutschen Anbietern von Bio-Brot, -Backwaren, -Keksen, -Müslis und -Mühlenprodukten.

Der Süden: Zuckerrüben auf Lössböden

Luftaufnahme von Gut Wiebrechtshausen (KWS) – historischer Gutshof mit landwirtschaftlichen Flächen in Südniedersachsen
Erst mit den Biorüben entsteht in Südniedersachsen ein vorsichtiges Interesse. Einzelne Betriebe (wie hier das Gut Wiebrechtshausen der KWS) sind aber schon lange mit »Bio« unterwegs. Foto: landpixel

Erst seit dem Ende der Rübenquote, das zusammenfiel mit dem Aufbau einer Ökozuckerrübenverarbeitung der Nordzucker, gibt es in der Hildesheimer Börde ein vorsichtiges Interesse an »Bio«. Wenn dann allerdings über 100 Stunden je ha Unkraut jäten im Raum stehen, erlahmt das Interesse wieder. Das könnte sich mit der Verbreitung und erhöhten Schlagkraft von Robotern ändern.

Um die Großstädte Hannover und Braunschweig haben sich in Thünen'schen Kreisen gleichwohl regionale Vermarkter entwickelt, oft in Bio. Trotzdem werden um Hannover und Braunschweig nur 5–6 % erreicht, in den Kreisen Hameln und Göttingen (zu dem auch das Untereichsfeld gehört) etwas mehr. Cluster erfolgreicher Biobetriebe haben sich dort über Jahrzehnte entwickelt und auf die Nachbarschaft ausgestrahlt.

Statt der konventionellen Zuckerrüben erzeugen sie Gemüse und Biozuckerrüben. Auch Soja, Sonnenblumen, Linsen, Hanf und andere Exoten werden ausprobiert. Zur Pflege der Nährstoffkreisläufe werden auch auf den besten Lössböden Legehennen gehalten oder mit Milchvieh oder Biogasanlagen kooperiert, Kleegras Cut'n Carry praktiziert, HTK gegen Futtergetreide getauscht, Vinasse eingesetzt oder mehrere dieser organischen Dünger kombiniert.

Porträtfoto von Moritz Reimer, Landwirt aus Hornburg
Moritz Reimer, Hornburg

Gute Böden bringen stabile Erträge trotz Frühjahrstrockenheit.

— Moritz Reimer

Moritz Reimer

Landwirt, Hornburg — 300 ha, 37–100 Bodenpunkte, vielfältiger Marktfruchtbau, diverse Kooperationen

Kreis Wolfenbüttel (6,3 % Bioflächenanteil)

Landwirt, Hornburg — 300 ha, 37–100 Bodenpunkte, vielfältiger Marktfruchtbau, diverse Kooperationen

Der Westen: Geflügeldomäne in Weser-Ems

Freilaufende Legehennen auf grüner Weide – typisch für die Bio-Geflügelhaltung in Weser-Ems
In Tierhaltungs-Regionen wie Weser-Ems war eine Umstellung bisher nur für Geflügelbetriebe interessant. Aber die Schweinekrise schafft eine neue Situation. Foto: landpixel

Im Westen, in Weser-Ems, herrscht schon lange intensivste Tierhaltung auf Betrieben mit durchschnittlich unter 50 ha. Land ist sehr knapp und teuer. Investitionen lohnen nur in Tierarten, deren Ausscheidungen außerhalb von Weser-Ems gut bezahlt und transportwürdig sind. Das sind allein Legehennen und sonstiges Geflügel. Ihr Hühnertrockenkot (HTK) hat eine hohe Nährstoffdichte bei niedrigen Wassergehalten. Bioeier und Bio-HTK werden am besten bezahlt.

Der Durchschnittsbiobetrieb hat hier nur 15 ha (Emsland). Die Flächenansprüche für Legehennen sind gering, weil das Futter überwiegend aus weiter entfernten Ackerbau-Regionen in Ostniedersachsen, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt kommt, wohin der HTK zurückgeht: Eine moderne Kreislaufwirtschaft auf Distanz. So ist Weser-Ems eine Region mit sehr geringen Bioflächenanteilen, aber mit einer Produktion, die große Bedeutung im Markt hat. Eier sind nach Milch die Biokategorie mit dem höchsten Umsatz, die Hälfte davon wird in Weser-Ems erzielt.

Von der Schweinekrise könnte Bio profitieren

Da Geflügel (und auch Pilze als weiterer Biobetriebszweig) wenig Land brauchen, trägt es nur marginal zum Bioflächenwachstum in Weser-Ems bei. Es gibt jedoch Anzeichen, dass in der Region Schweineställe sowie Ackerflächen für Futter und Gemüse umgestellt werden. Das hängt auch immer von der vorhandenen Infrastruktur ab. Ein Treiber ist die Raiffeisen Ems-Vechte, die Beratung und Vermarktung für Bio als Teil ihres Auftrags sieht.

Porträtfoto von Florian Kröger, Klein Berßel / Raiffeisen Ems-Vechte
Florian Kröger, Klein Berßel

Nach den Biolegehennen kommen jetzt Ackerbau, Gemüse und Schweine.

— Florian Kröger

Florian Kröger

Landwirt, Klein Berßel — Raiffeisen Ems-Vechte mit Biofuttermühle für Legehennen und neuerdings Schweine

Kreis Emsland (1,8 % Bioflächenanteil)

Landwirt, Klein Berßel — Raiffeisen Ems-Vechte mit Biofuttermühle für Legehennen und neuerdings Schweine

Die Mitte: wenig Bio auf Heide und Moor

Abgesehen von den Flussauen wird die Mitte Niedersachsens von Heide im Osten und Mooren im Norden und Westen bestimmt. Beide wurden früher sehr extensiv bewirtschaftet. Erst mit verstärkter Tierhaltung wurde die Ertragsfähigkeit der Sandböden angehoben. Celle ist eine intensive Frühkartoffel- und Gemüseregion vor den Toren Hannovers. Eine erhebliche Ausweitung des Bioflächenanteils von derzeit 1,2 % ist dort nur zu erwarten, wenn einerseits die konventionellen Geschäftsmodelle an ihre Grenzen kommen und andererseits Bio von der Organisation einfacher und von Erlösen attraktiver wird.

Für die 13,1 % im Heidekreis ist zur Hälfte ein 5 000 ha großer Landschaftspflegehof verantwortlich, der alte Heidewirtschaft mit Heidschnucken aufrechterhält.

Niedermoor bietet oft eine gute Weide für Milchkühe. Hier könnte der Bioflächenanteil noch wachsen. Vor allem in Kooperation mit Ackerbaubetrieben, von denen Kleegras kommt und die Gülle zurücknehmen. Es wird sich zeigen, welche Nutzung von Mooren in Zeiten von CO₂-Bindung aus Klimaschutzgründen noch möglich ist. Die intensiven Tierhaltungsgebiete im Westen Niedersachsens sind erst durch Tiefpflügen von Moor und Heide im Emslandplan ab 1950 in Kultur genommen worden.

Bioflächenanteile nach Regionen

Lüchow-Dannenberg
17,0%
Heidekreis
13,1%
Osterholz
10,2%
Wesermarsch
7,7%
Göttingen
7,6%
Wolfenbüttel
6,3%
Uelzen
5,7%
Hannover / Braunschweig Umland
5–6%
Emsland
1,8%
Celle
1,2%

Fazit

Das 30 %-Ziel scheint in Niedersachsen – wenn überhaupt – nur in Lüchow-Dannenberg möglich. Ackerbaubetriebe mit Beregnung können dort in Kooperation mit Tierhaltung einfach umstellen, wenn das Land nicht zu teuer ist. Wenn dagegen die anderen Kreise 10–15 % Bioflächenanteil bis 2030 erreichen, wäre schon das eine Überraschung:

  • Norden: Den Grünlandbetrieben im Norden fehlen die Wüchsigkeit des Grases (wie etwa im Alpenvorland) und nahe Kooperations-Ackerbaubetriebe.
  • Süden: Im Süden gäbe es Chancen in Kooperation mit der Tierhaltung, doch ist das Land dort meist zu teuer.
  • Westen: Der Westen steht mit seiner intensiven Tierhaltung am Beginn eines großen Transformationsprozesses. Wenn die Tierzahlen hier drastisch gesenkt und dafür höherwertige tierische Produkte (Haltungsklassen 3 und 4) erzeugt würden, HTK und vielleicht separierte Gülle dorthin zurückgehen würden, wo das Futter erzeugt wird, und schließlich auch noch Biogemüse erzeugt und vermarktet werden, dann könnten auch hier die Flächenanteile gesteigert werden.

Conrad Thimm, bio2030, Barth

DLG-Mitteilungen 3/2022, Seiten 90–93