30 % taugen nur für Sonntagsreden
Misst man die von der Politik formulierten Ökoziele an der Realität, so werden sie nur vereinzelt erreicht. Unsere Serie »Öko regional« hat gezeigt, wo Chancen und Risiken in Norddeutschland liegen. Gustav Alvermann zieht ein Fazit und fragt, wie es unter den neuen Bedingungen mit »Bio« weitergeht.
Regionale Spezialisierung und Intensivierung waren die Antwort der Branche auf die gesellschaftliche Aufforderung, die Einkommensdisparität zwischen Landwirtschaft einerseits und Gewerbe und Industrie andererseits durch Modernisierung auszugleichen. Heute zeigt sich, dass diese Medaille eine Kehrseite hat. Grenzen in der Umweltverträglichkeit und Grenzen in der gesellschaftlichen Akzeptanz erfordern Schritt für Schritt Anpassungen. Als Tagesthema kommt nun die immense Abhängigkeit von externer Vorleistung hinzu. Das industrielle Input-Output-Prinzip fordert in der Landwirtschaft Vorprodukte wie Mineraldünger und Futtermittel »just-in-time«. Kommen sie nicht so verlässlich und preiswert wie gewohnt, so kränkelt das System.
Spezialisierte Strukturen hemmen die Umstellung. Unsere Artikelserie über die Bedeutung von Ökolandbau in den einzelnen Bundesländern und deren Regionen und Landkreisen hat ein zentrales Ergebnis: Die Umstellung auf Ökolandbau und damit die Rückbesinnung auf Eigenproduktivität und -stabilität fällt jeweils dort besonders schwierig aus, wo die etablierte Landwirtschaft sehr modern daherkommt. Das gilt sowohl für den Acker als auch für die Tierhaltung. Vergleichsweise geringe Bioanteile gibt es auf der Geest in Schleswig-Holstein (intensive Milcherzeugung mit >10 000 l/ha LF), in den Veredelungsregionen Weser-Ems und im Münsterland (landkreisweit >2,5 Dungeinheiten/ha) und auch in den guten Ackerregionen wie Ostholstein, Nord-West-Mecklenburg und in den diversen Lößbörden am Fuße der Mittelgebirge (Magdeburg, Hildesheim, Soest, Köln-Aachen). Ein Indikator vor Ort ist jeweils der regionale Pachtpreis. Ist der hoch, so ist der Bioanteil meistens niedrig.
Extensives Dauergrünland mit geringen Flächenkosten als Gegenstück. Ein gegenteiliges Bild ergibt sich bei extensiv genutztem Dauergrünland. Meistens wird dort Rindfleisch erzeugt und die Pachtpreise sind überschaubar. Eine bundesweit einheitlich hohe Flächenprämie wird unter solchen Bedingungen entscheidungsrelevant. Prägende Regionen für diesen Weg sind das Niederungsgrünland in Vorpommern und das Mittelgebirgsgrünland in Nordrhein-Westfalen.
Das Dauergrünland ist bundesweit im Biobereich überrepräsentiert. Nahezu jeder fünfte Hektar dieser Landnutzungsform ist Bio, aber kaum jeder 15. Hektar des Ackerlandes (6 %). In Deutschlands Intensivregionen mit meistens weniger als 3 % Biofläche prallt die undifferenzierte Forderung »30 % Biofläche« auf ein Zehntel an Umsetzung. Für das Dauergrünland ist 30 % Bio dagegen nicht unrealistisch, vorausgesetzt die öffentlichen Prämien stehen irgendwann nicht völlig zur Disposition. Denn nicht nur die Zahlungsbereitschaft von Verbraucherinnen und Verbrauchern klafft in Wort und Tat gerne auseinander. Auch öffentliche Kassen sind selten so zugänglich, wie sie sein müssten, um als Landwirt der Bevölkerung deren unbeschränkten Wunsch nach Zoo und botanischem Garten erfüllen zu können. Das Beispiel Sachsen-Anhalt zeigt, dass bei geringem finanziellen Spielraum entsprechende Geschäftsmodelle auch mal abrupt wegbrechen können. Niedersachsen scheint dagegen in diesem Punkt einen besonderen Ehrgeiz zu entwickeln. Eine vielfältige Palette an Gemeinwohlleistungen wird aktuell mit attraktiven Prämien hinterlegt. Ohne gute Beratung ist das Prämien-Management kaum noch zu überblicken. Solche regionalen Unterschiede in Sachen öffentlicher Förderung sind mittelfristig durchaus ein Standortfaktor – und nicht nur auf dem Grünland.
Auf dem Acker geht es eher um Wertschöpfung auf der Fläche. Je spezialisierter und produktiver der Ackerbau, umso härter prallen die Argumente pro und contra Bio aufeinander. Mögliche negative Auswirkungen des chemischen Pflanzenschutzes, Biodiversitätsverluste und Auswirkungen aufs Klima stehen gegen Ernährungssicherung und wirtschaftlichen Erfolg der Akteure. Neben der hohen Spezialisierung von Ackerbaubetrieben mit fehlender Kreislaufwirtschaft ist ein weiteres Umstellungshemmnis relevant. Die natürlichen Bodenfruchtbarkeitsbedingungen kommen mit dem Ökolandbau wieder stärker zum Tragen. Ohne Mineralstickstoff fallen bestimmte Standorte, die von der Intensivierung überproportional profitiert haben, wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zurück. Die Lüneburger Heide ist so ein Beispiel. Ohne Beregnung ist sie auch »Bio« kein Selbstgänger – und auch an der Beregnung scheiden sich die Geister. Oder Ostholstein: Mit reichlich Mineralstickstoff wurde diese Region im Ackerbau groß. Davor kalkulierte man mit 35 bis maximal 40 dt/ha Weizen.
Nicht die Politik treibt »Öko«, sondern die individuelle Chance.
Für die natürliche Ernährung der hier so leistungsfähigen Winterungen verläuft der Witterungsablauf im wahrsten Sinne des Wortes kontraproduktiv. Über Winter gibt es reichlich Nässe (Nmin im Frühjahr selten über 30 kg/ha), ab Frühjahr bleibt der warme Regen meistens knapp bis zur Kieler Woche; ab Ende Juni kommt Nmob durch einsetzenden Regen aber auch für den Weizen zu spät.
Die Entscheidung treffen die Unternehmerinnen und Unternehmer. Letztlich bleibt jede öffentliche Diskussion pro und contra Bio theoretisch. Die entscheidungsrelevanten Faktoren sind zu zahlreich, die Gegebenheiten vor Ort zu vielfältig. Einfach ist die Entscheidung immer nur bei eingegrenztem Blickwinkel und wenn man finanziell unbeteiligt ist. Die landwirtschaftlichen Unternehmerinnen und Unternehmer sind aber genau das: finanziell verbunden mit ihren Entscheidungen. Und so bewahrheitet sich der Ausspruch eines erfahrenen Biobauern aus dem Bergischen Land während einer hitzigen Diskussion unter Berufskollegen um den richtigen Weg: »Eins müsst Ihr Euch merken: Helfen wird Euch keiner, helfen muss sich jeder selbst«.
Perspektivisch wird sich der ökologische Landbau auf teurem Land (nur) dann behaupten, wenn es ihm gelingt, gleichermaßen eine hohe Flächen- wie auch Arbeitsentlohnung zu generieren. Bei Hackfrüchten und Gemüse ist die Flächenentlohnung gegeben. Man setzt auf Robotik, um das auch bei der Arbeit zu schaffen. Bei Druschfrüchten unterscheiden sich die einzelnen Standorte dagegen stark. In der norddeutschen Tiefebene liegen die Ertragsrelationen bio zu konventionell sehr weit auseinander (problematische N-Dynamik). Zudem fehlen attraktive Bio-Druschkulturen. Das Beispiel Lüchow-Dannenberg mit 17 % Ökoanteil zeigt dagegen Potentiale. Mittlere Böden, Beregnung und ein zunehmend sonnenreiches Klima ermöglichen dort neben den Hackfrüchten den Anbau attraktiver Druschfrüchte wie Körnermais, Soja und Sonnenblume. Wo das geht, kann man Ökoackerbau betreiben.
Die einzige »Währung« für die Chancen von Ökolandbau in den Regionen ist die real umgestellte Fläche. In sie fließen alle zu berücksichtigenden Faktoren ein – Boden, Klima, Betriebs- und Regionalstrukturen, Potential für gesuchte Marktfrüchte, regionales Marktpotential, der Pachtpreis als Gradmesser für die Leistungsfähigkeit des konventionellen Systems und vieles mehr (Übersicht 1). Immer dann, wenn in einer Region Bioanteile das Niveau des Bundeslandes klar überschreiten, kann man davon ausgehen, dass hier Geschäftsmodelle gefunden wurden, die die Umstellungsentscheidung niedrigschwellig ausfallen lassen. Das Flächenpotential, das allein aus der persönlichen Motivation resultiert, wird dann jeweils deutlich überschritten. Jedes Bundesland hat solche »Hot-Spots« – und jeder für sich ist individuell geprägt (Übersicht 2).
Übersicht 1: Regionale Ökolandbau-Bedeutung (Faktoren und Auswirkungen). Die Spalten »gut« und »weniger gut« beschreiben die Auswirkung auf die regionale Ökolandbau-Bedeutung.
| Faktoren | gut | weniger gut |
|---|---|---|
| Flächenkosten | Pacht < 300 €/ha | Pacht > 600 €/ha |
| Standort | Boden: mittel; Niederschlag auf Ackerland: 600 mm gut verteilt; attraktive Marktfrucht-Palette | Boden: sehr leicht/sehr schwer; Niederschlag auf Ackerland: 800 mm maritim verteilt; begrenzte Marktfrucht-Palette |
| Betrieb | Verbundwirtschaft; gute Infrastruktur (Lager, Aufbereitung) | hoch spezialisiert; ganz auf Vorleistung und direkte Abnahme ausgelegt |
| Markt | Direktvermarktungsoption; regionale Lieferketten; regionale Verarbeiter | |
| Prämien | breite Palette an Gemeinwohlprämien (z. B. Niedersachsen) | restriktives Anwenden von Prämienoptionen (z. B. Sachsen-Anhalt) |
| Region | regionale Akteure thematisieren Ökolandbau (Beratung, Händler, Verarbeiter) |
Übersicht 2: Nutzungskonzepte in den norddeutschen Bundesländern
| Bundesland | Landkreis | Nutzungskonzepte | ca. % Bio |
|---|---|---|---|
| Schleswig-Holstein | Dithmarschen | Feldgemüsebau mit regionaler Verarbeitung | 8 |
| Mecklenburg-Vorp. | Ludwigslust-Parchim | divers: u. a. Verbund Ackerbau – Legehennen | 14 |
| Niedersachsen | Lüchow-Dannenberg | mittlerer Acker mit Beregnung, breite Marktfruchtpalette | 17 |
| Sachsen-Anhalt | Wittenberg | divers: regionale Beratung thematisiert seit 2018 die Umstellung | 19 |
| Brandenburg | Barnim | Biosphärenreservat plus Regionalvermarktung Berlin | 21 |
| Nordrhein-Westfalen | Siegen-Wittgenstein | extensives Dauergrünland im Mittelgebirge | 34 |
Ist die Party jetzt vorbei? Mitten in unserer Artikelserie über Ökolandbau in den Regionen haben sich abrupt die Spielregeln geändert. Der 24. Februar 2022, Russlands Überfall auf die Ukraine, hat in der Tat eine deutliche Zäsur in jeden wirtschaftlichen Ablauf, aber auch in jede private Konsumentscheidung gebracht. Das Leben wird teurer, Energiekosten schlagen über diverse Wege auf die einzelnen Haushalte durch, Geld wird knapper, teure Lebensmittel engen den Handlungsspielraum ein. Tatsächlich schlägt das Konsumpendel teurerer Biolebensmittel deutlich nach hinten aus, nachdem in den Coronajahren erheblich mehr Bioprodukte gekauft worden waren. Man würde die Resilienz des ökologischen Landbaues aber unterschätzen, wenn man voreilig den Schluss zöge: »Jetzt ist die Party bei denen auch vorbei!«
Diese Form der Landbewirtschaftung hat sich in den vergangenen 40 Jahren in Deutschland im Flächenanteil verhundertfacht. Es waren Zeiten dabei, in denen alles gegen den Ökolandbau sprach: Markt nicht vorhanden, Wissenschaft und Politik dagegen, von den etablierten Fachmedien gemieden, Mainstream ganz woanders. Festhalten muss man: Die Entwicklung hat nicht nur eine horizontale Differenzierung, wie hier betrachtet, sondern auch eine vertikale. Zulauf und Stagnation oder gar Abkehr in Sachen Ökolandbau gab es im zeitlichen Ablauf immer wieder. Die aktuelle Besinnungspause nach einer starken Expansion in den vergangenen fünf Jahren wird nicht die letzte sein.
Fazit. Die ökologische Landwirtschaft hat regional in Deutschland eine sehr unterschiedliche Flächenbedeutung (auf Landkreisebene von 1 % bis über 30 %). Die Gründe für die hohe Spreizung sind vielfältig. Die regional so unterschiedliche Bedeutung belegt, dass nicht die gesellschaftliche und politische Debatte das bestimmende Maß für den Flächenanteil ist, sondern die realen unternehmerischen Chancen vor Ort – denn die Diskussionen sind ja überall gleich. Das ist im Übrigen eine Parallele zur Entwicklung der Produktionstechnik. Auch die entwickelt sich trotz aller theoretischen Begleitmusik weitgehend vor Ort.
Und wie geht es nun weiter? Eine produktive Landwirtschaft ohne großen Bedarf an externer Vorleistung zu betreiben, ist hochaktuell. Sicherlich ist der Bio-Einzelertrag beim weltweit so gesuchten Weizen nicht Spitze, aber andere Elemente wie Autarkie, Akzeptanz und Verträglichkeit sind auf gutem Niveau. Es ist ein Wettbewerb darum entstanden, wer der richtige Zukunftsbauer ist respektive die Zukunftsbäuerin, und das ist zu begrüßen.
Die Ziele der Zukunft sind durch eine Höchstleistung in nur einem Segment (nämlich Hektarertrag) kaum zu erreichen. Für das Erreichen einer Vielzahl an Teilzielen dürfte es kein Nachteil sein, wenn sich unterschiedliche Landwirtschaftsmodelle weiter parallel entwickeln. Denn für das Abdecken aller gesellschaftlichen Herausforderungen durch nur einen Lösungsansatz (Bio eingeschlossen) ist die »Bettdecke« ansonsten möglicherweise zu kurz.
Gustav Alvermann, Bio-Ackerbauberater, Westerau
Fremdenergie oder Leguminosen-Stickstoff?
Interessant ist, dass bei grundlegenden Veränderungen der Rahmenbedingungen der Ökolandbau oft schon seine eigene Antwort parat hat. Für die aktuelle Situation der deutlichen Verteuerung von Fremdenergie brachte Bioackerbauer und -großhändler Andreas Engemann aus Westfalen-Lippe folgenden Gesichtspunkt in die Diskussion: »Die Landwirtschaft muss sich entscheiden, ob sie Nahrungsmittel erdgasbasiert erzeugen will (mit Stickstoff-Mineraldünger) oder solarbasiert durch die Leistung der Leguminosen«.
Wie kann das funktionieren? Auf einer DLG-Wintertagung hatte ein Landwirt aus Niederbayern darüber berichtet, wie das ohne Wiederkäuer auch im Ackerbaubetrieb geht. Auf 400 ha Fläche erzeugt er leguminosenbasiert eine ganze Palette an gesuchten Bio-Marktfrüchten. Deren hohe Produktivität erreicht er durch das Vergären von Kleegras-Aufwüchsen in der eigenen Biogasanlage. Als Zweitkomponente kommt Bio-Hühnertrockenkot von eigenen und Bio-Kooperationstieren hinzu. Deren Nährstoffe werden nach dem Vergären äquivalent zurückgeliefert. Der hohe Ammoniumanteil im Fermenter bei 55 % Kleegras und zusätzlich Hühnertrockenkot im Substratmix wird mit einem Mindestanteil an CCM-Mais ausgeglichen. Der hoch stickstoffhaltige Gärrest (> 8 kg N/m³) wird zielgerichtet und verlustarm den Marktfrüchten zugeteilt. Die Fruchtfolge lautet: Kleegras-Winterweizen-Mais (CCM bzw. Drusch)-Soja, Ackerbohne, Sonnenblume-Dinkel. Die Relativerträge dürften durchaus bei gut 2/3 des konventionellen Niveaus liegen.
Der Landwirt hat damit einen Bio-Gunststandort (Boden, Klima, Palette an möglichen Marktfrüchten) mit einem intensiven betrieblichen Nährstoffkreislauf verknüpft und damit sein Produktivitätsniveau auf ein beachtliches Maß geschraubt – bei weitgehendem Verzicht auf energetische und chemische Vorleistung. Nur seine Ackerschlepper müsste er wohl demnächst noch auf Methanbetrieb umrüsten, dann könnten ihn die aktuellen Mahnungen, Energie zu sparen, nicht aus der Ruhe bringen.