INTERVIEW:
Mit Dr. Ralf Bloch sprach Annegret Grafen.
Seine Promotion hat Dr. Ralf Bloch über die Vulnerabilität des Ökolandbaus durch den Klimawandel in Brandenburg geschrieben. Er arbeitet am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und hat eine Gastprofessur an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Lehrgebiet Pflanzenbausysteme und Agrarökologie.
bioland-Fachmagazin: Was kommt auf die Landwirte zu?
Dr. Ralf Bloch: Hier im Osten haben Landwirte gesagt, wenn ein Jahr wie 2018 häufiger kommt, mit dieser Futterknappheit, dann schaffe ich das nicht mehr. Wir laufen aber in eine Situation hinein, in der ein Sommer wie 2018 am Ende des 21. Jahrhunderts ein mittlerer Sommer sein könnte.
Der ökologische Landbau baut Humus auf und fährt vielfältige Fruchtfolgen. Er sollte doch bestens für klimatische Veränderungen gewappnet sein, oder?
Bloch: Der Blick auf den Ökolandbau vor dem Hintergrund des Klimawandels ist da zuweilen etwas einseitig. Oft schaut man sich nur die positiven Seiten an: den Aufbau der Bodenfruchtbarkeit, die Humuswirtschaft und die Gestaltung vielfältiger Fruchtfolgen. Das sind zweifelsohne Pluspunkte für robuste, widerstandsfähige Agrarökosysteme.
Aber?
Bloch: Wir haben systembedingt auch große Schwachstellen. Und die liegen genau dort, wo der Ökolandbau seine Stärke hat. Die wichtigste Schwachstelle ist der Ackerfutterbau, der die Bodenfruchtbarkeit fördert und die Gründüngung liefert. Denn gerade die Futterleguminosen leiden unter der Trockenheit, vor allem der Rotklee, vor allem auf leichten Böden. Wir brauchen in Zukunft einen sehr klimarobusten Ackerfutterbau. Das Dürrejahr 2018 hat ja gezeigt, dass gerade die Betriebe gekniffen waren, die Futterbau betreiben, die Milchviehhalter, denen nicht nur die Erträge vom Grünland fehlten, sondern auch die aus dem Kleegras.
Die Dimension ist aber viel größer als der Futtermangel, sagen Sie.
Bloch: Wir haben weniger Futter, wir haben aber auch weniger Stickstoff im System. Die Stärke des Ökolandbaus, der angestrebte geschlossene Betriebskreislauf mit Grünland, Ackerfutterbau und Viehhaltung, wird in einem Dürrejahr zum Risiko. Der N-Input stimmt nicht, weil die Fixierleistung abnimmt oder die Leguminosenanteile geringer werden. Gleichzeitig ist die Stickstoffmineralisierung stark von der Bodenfeuchte abhängig. Die N-Dynamik verändert sich und das hat Auswirkungen auf die gesamte Fruchtfolge. Es ist zu wenig Stickstoff da oder zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Systems.
Welche Folgen hat das?
Bloch: Das bedeutet unter anderem, dass die Erträge stärker schwanken werden. Studien aus Mecklenburg-Vorpommern zeigen das sehr eindrucksvoll. Der Ökolandbau, ein System, das stark von den natürlichen Standortbedingungen abhängig ist, reagiert in seinen Erträgen heftiger auf Klimaschwankungen als der konventionelle Landbau. Ein Bio-Landwirt kann Defizite nicht einfach mit Mineraldünger auffüllen. Er ist gefordert, den Nährstoffbedarf seiner Kulturen zu steuern, durch Gründüngung, Wirtschaftsdünger, durch eine gute Planung der Fruchtfolge. Im Klimawandel nimmt die Planbarkeit aber ab.
Welche Rolle spielt dabei die Bodenbearbeitung?
Bloch: Klimabedingt werden sich die verfügbaren Feldarbeitstage verschieben. 2018 haben wir gesehen, dass wir im Osten Phasen mit einem ausgedehnten „Sommerfrost“ hatten. Der Boden war so ausgetrocknet und hart, dass wir die normalen Zeitfenster zur Bestellung nicht nutzen konnten. Die Saatzeitpunkte von Zwischenfrüchten oder Wintergetreide mussten nach hinten verschoben werden. Und solange der Boden trocken ist, wird der Stickstoff nicht mineralisiert. Dann fällt ein Starkregen und in kurzer Zeit werden auf den leichten Böden 60, 70 Kilo Stickstoff mobilisiert, aber es ist kein Aufwuchs da, ihn zu nutzen.
Die Niederschläge verschieben sich vom Sommer in den Winter. Teilweise sind die Böden bis in den März hinein feucht, eigentlich müsste der Hafer schon gesät werden, der Landwirt kommt aber nicht auf den Acker. Und dann beginnt schlagartig eine Frühsommertrockenheit. Insgesamt wird Bodenbearbeitung im Frühjahr schwieriger. Und damit die Möglichkeit, die Nährstoffe zu steuern.
Was ist notwendig, um gegenzusteuern?
Bloch: Wir brauchen für den Ökolandbau spezifische Anpassungsmaßnahmen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir pfluglose Varianten integrieren. Wir brauchen Alternativen bei den Futterleguminosen. Da ist bisher sehr wenig passiert. Wir müssen prüfen, welche Arten und Mischungen mit Trockenstress zurechtkommen. Und das auf den verschiedenen Standorten. Zum Beispiel auch: Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Kleegrasumbruch bei veränderten und unsicheren Witterungsbedingungen? Das gesamte Nährstoffmanagement wird sich gewaltig ändern müssen.
Das gesamte Nährstoffmanagement wird sich gewaltig ändern müssen
Sind die Landwirte ausreichend auf die notwendigen Veränderungen vorbereitet?
Bloch: Das ist sicher ein Pluspunkt für den Ökolandbau. Wir haben Betriebsleiter, die bereits Veränderungsprozesse hinter sich haben. Sie haben ihre Betriebe umgestellt, sie wissen, was es heißt, Verfahren anzupassen. Bio-Landwirte haben große experimentelle Kompetenzen.
Allerdings müssen die auch gefördert werden, zum Beispiel in der Ausbildung. Und wir brauchen auf jeden Fall wieder Strukturen, die verloren gegangen sind, etwa regionale Anbauringe, in denen sich die Landwirte austauschen. Wir müssen Betriebe zusammenführen, die unter den gleichen Voraussetzungen wirtschaften. Über die Hochschule in Eberswalde, die Kooperationspartner des ZALF ist, haben wir einen Öko-Anbauring in Brandenburg gegründet, in dem die Landwirte die Ackerbauprobleme ansprechen. Dazu werden gezielt Versuche auf den Betrieben angelegt, die die Hochschule begleitet.
Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die notwendigen Anpassungen rechtzeitig gelingen?
Bloch: Es ist höchste Zeit zu handeln. Wir dürfen auch nicht mehr lange diskutieren, mit welchen Forschungsansätzen wir hier einsteigen. Ich glaube, die Vernetzung ist ganz wichtig: Wissenschaft, Beratung, Landwirte in kleinen Einheiten zusammenzubringen. Der Landwirt muss in die Entwicklungsprozesse eingebunden werden und diese müssen von seinem Betrieb ausgehen.
Die Länder müssen Ansätze wie die genannten Anbauringe fördern. Sie müssen das Versuchswesen deutlich stärken. Wir brauchen mehr Forschung sowohl in den Versuchsanstalten als auch auf den Betrieben.
Noch eines: Die regionale Differenzierung ist sehr wichtig. Wir dürfen in unseren Aussagen nicht zu sehr aggregieren. Es ist schon richtig, wenn in Strategiepapieren steht, der Ökolandbau sei ein guter Anpassungspfad an den Klimawandel. Aber das stimmt nicht überall. Wenn ich keinen Kleegrasanbau auf sandigen Böden mehr habe, dann habe ich dort keinen Ökolandbau mehr.