Ohne Vieh – wie geht das?
Etliche Marktfruchtbetriebe interessieren sich für den Ökolandbau. Wie der in Norddeutschland funktionieren kann, war im März Thema einer anregenden Tagung mit Landwirten.
Die DLG-Mitteilungen haben das Thema »Ökolandbau« in einer Serie seit September 2018 systematisch »beackert«, und zwar mit einem Schwerpunkt, der bisher immer zu kurz kam: der Situation im norddeutschen Marktfruchtbetrieb. Denn die große Herausforderung dort ist der enorme Abstand, der durch unterdurchschnittliche Ökoerträge und überdurchschnittliche »konventionelle« Erträge entsteht. Mitte März fand in Hannover eine von den beiden Bioberatern Gustav Alvermann und Conrad Thimm organisierte Tagung statt, die das Thema unter reger Beteiligung von 150 Landwirten an Beispielen konkretisierte und vertiefte. Vier Fragen an die beiden.
Welche Aussagen lassen sich nach der Tagung bekräftigen?
Gustav Alvermann: Erstens reden wir nicht abstrakt vom Klimawandel, sondern schauen erst mal genau, wie die jeweilige klimatische Region heute auf den Biolandbau wirkt. Für jeden Bio-Marktfruchtbetrieb müssen nicht nur Boden und Pachtpreise berücksichtigt werden, sondern genauso die Niederschlagsverteilung, weil im trockenen Frühjahr die natürliche Mineralisierung für Getreide zu spät kommt. Und im nassen milden Winter Restnitrat verlagert wird. Zweitens helfen dagegen geeignete Fruchtfolgen. Mais z.B. hat einen viel späteren N-Bedarf. Und vor allem helfen Futter-Mist-Kooperationen, Verbundwirtschaft mit Milchvieh- und/oder Legehennenbetrieben und/oder Biogasanlagen, ggf. ergänzt um Zuckerrüben-Vinasse oder PPL (Potato Protein Liquid).
Die vielleicht größte Herausforderung für Bio-Marktfruchtbetriebe ist aber die Notwendigkeit, Kleegras in die Fruchtfolge zu nehmen und eine Nutzung dafür zu finden. Wenn nicht im Verbund mit Milchviehbetrieben oder Biogasanlagen, dann eben als »cut & carry« oder Silage zur Düngung von Marktfrüchten.
Welche Rolle spielt dabei das Mitmach-Konzept?
Conrad Thimm: Weil die Standorte so unterschiedlich sind und die aktuellen Fragen in ständigem Wandel, sind Veranstaltungsformate mit zentraler Beteiligung von erfahrenen Praktikern am Puls der Zeit so hilfreich. Nach dem Motto: »Andere sind in diese Richtung marschiert und haben einen Weg gefunden – dann schaffe ich das auch«. Dabei kann ein erfahrener Ackerbauberater, der die Zusammenhänge versteht, natürlich helfen.
Wo haben Landwirte die meisten Fragen?
Alvermann: Fragen zum ökologischen Landbau sind je nach Standort so vielfältig und komplex, dass einfache Antworten in die Irre führen. Sie stellen sich dem Einzelnen auch oft erst in zeitlicher Staffelung. Jüngst sagte mir ein Senior-Landwirt: »Ich wäre jetzt so weit, dass ich die richtigen Fragen stellen könnte« – nach 35 Jahren Öko-Praxis! Hier und heute überwiegen vor einer Umstellung leider meist die Formalia: Richtlinien und Prämien, Kontrollstellen, Verbandsmitgliedschaften und der Hindernisparcours der Umstellung. Kaum ist die Umstellung eingeleitet, kommen Brandanrufe nach dem Motto: »Wie bekomme ich den Weizen satt, wächst mir nicht das Unkraut über den Kopf, welcher Vermarkter holt meine Produkte und zahlt pünktlich?«.
Hinweise nach dem Motto »Rechnen und die Vermarktung absichern und erst dann in die Umstellung einschwenken« gehen an der Realität vorbei – außer vielleicht bei Milchviehbetrieben. Öko-Landbau hat eine stark unternehmerische Komponente – das Lernen hört nie auf. Bisher kamen Fragen nach einem wirklich standortangepassten Produktionskonzept und Geschäftsmodell oft erst nach zehn Jahren. Das möchten wir natürlich beschleunigen.
Wie wollen Sie das Thema weiter vorantreiben?
Thimm: Idealerweise bilden sich jetzt auf regionaler Ebene um einzelne Betriebe und Berater regelmäßige Bio-Ackerbau-Ringe. Vielleicht auch angeregt durch Firmen, die mehr oder bessere Bio-Rohstoffe suchen. Vielleicht auch angeregt durch kleinere regionale Tagungen. Bei beidem helfen wir gerne, haben jedoch nicht die Ressourcen, das überwiegend selbst zu organisieren. Wir müssen auch nicht das Rad neu erfinden, denn es gibt genug bestehende Organisationen, die das mit Unterstützung von uns machen könnten. –pr–