Zunehmende Witterungsextreme mit z. T. auch langen Regenphasen und dann ein plötzliches Umschalten auf „ewig trocken und warm“. Das ist die Entwicklung unseres Klimas, auf die man sich hier und heute in der Beobachtung wahrscheinlich einvernehmlich einigen kann. Landwirtschaft wird dadurch nicht einfacher – sie ist betroffen. Gleichzeitig ist sie aber auch Mitverursacher durch die Entsendung von Klimagasen wie Lachgas, Methan und CO2.
Gerne wird als zentrale Lösung für und durch die Landwirtschaft die Orientierung der Bodenbewirtschaftung auf einen möglichst hohen Humusgehalt empfohlen; je weiter die Ratgeber von der Praxis entfernt sind, um so ausgeprägter. Diese Empfehlung gleicht dem Griff nach der „Bazooka“ – also dem ganz großen Geschütz in dieser Frage. Schaut man in die einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe, so zeigt sich ein anderes Bild. Begrenzende Faktoren sind eher handwerklicher Natur und potentielle Lösungen haben einen deutlich kürzeren Zeitvorlauf als das „Drehen am ganz großen Rad“.
Auch die Böden der Öko-Ackerbauern leiden unter schwerer und obendrein fragwürdig eingesetzter Technik. Gleichzeitig fehlt oft und weiter zunehmend die Verbundwirtschaft mit Tierhaltung nebst zugehörigem Futterbau. Und wenn mal wieder so eine ausgeprägte Frühsommertrockenheit wie 2020 gleich nach der Frühjahrsbestellung einsetzt, dann zeigen sich zudem Schwächen bei der Bodenvorbereitung und Bestellqualität. Die Sommerungen gehen lückig auf und Schuld ist dann der Klimawandel. Auch das Kleegras leidet unter der Trockenheit und liefert einen mageren ersten Schnitt. Ursächlich dafür ist aber nicht in erster Linie der ausbleibende Regen, sondern eine Kleegras-Produktionstechnik mit deutlich Luft nach oben.
Eine „MitmachTagung“ auf Landgut Stober bei Berlin (siehe www.bio2030.de) hat im Februar 2020 all diese Themen ausgiebig beleuchtet, Motto war: „Stabile Erträge wurzeln tief“. Die Lösungsansätze der sechs Referenzbetriebe aus der Region Nordost-Deutschland waren folgerichtig auch eher handwerklicher und organisatorischer Natur als vom „ganz großen Kaliber“. Der abschließende Tagungsbericht unterscheidet fünf Stufen der ackerbaulichen Entwicklung. Die fünfte Stufe, als „schwarzer Gürtel“ des Ackerbaues bezeichnet, beschäftigt sich dann schlussendlich auch mit der langfristigen Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit nebst der Anhebung des Humusgehaltes als zentralem Element. Davor aber stehen deutlich andere Themen, und die sollten zunächst abgearbeitet werden – Schritt für Schritt.
Stufe 1: Grundlegende pflanzenbauliche Fehler erkennen und abstellen
Zu den grundlegenden Fehlern gehören das Bodenbefahren und -bearbeiten bei Nässe, die Stickstoffmobilisierung zur falschen Zeit mit anschließendem Verlust durch Auswaschung oder das Verursachen verzettelter Feldaufgänge durch eine misslungene Bestellung. Das abermals trockene Frühjahr 2020 gibt Anlass, den letzten Punkt etwas genauer zu beleuchten. Denn wenn ein gleichmäßiger und lückenloser Feldaufgang nicht erreicht wird, sind alle späteren Verfahrensschritte wie mechanische Beikrautregulierung, Beschattung durch den Bestand und spätere gleichmäßige Abreife torpediert.
Getreide lässt sich nicht unbegrenzt tief ablegen. Somit muss für einen Feldaufgang wie in Bild 1 das Keimwasser in Sätiefe vorhanden sein. Greift man bei Nässe in den Boden ein und lässt die Kluten hinterher austrocknen, so ist das Problem lückiger Bestände hausgemacht. Je schwerer und wechselhafter der Boden, um so ausgeprägter die Gefahr.
Mais, Erbsen und Ackerbohnen haben den unbestreitbaren Vorteil, dass man sie tief säen kann respektive muss. Auch auf schwerem Land kann man es daher wagen, sie mit einer Zwischenfrucht vorzubereiten. Der dann im Vergleich zur Winterfurche notwendige etwas tiefere Bodeneingriff mit zügiger Nacharbeit erlaubt – entsprechende Sätechnik vorausgesetzt – trotzdem eine sichere Keimwasserversorgung. Die spätere Garebereitschaft der Böden ist nach Zwischenfrucht definitiv höher als ohne den Bewuchs über Winter.
Auf schwerem oder wechselhaftem Land mit schweren Kuppen oberhalb 20 % Ton bietet dagegen die Winterfurche nach wie vor eine höhere Verfahrenssicherheit. Das gilt insbesondere für Kulturen, die man vergleichsweise flach sät (u. a. Getreide und Lupinen). Und das gilt auch nach Wintern, die nahezu keinen Frost mit sich brachten. Was heute aus Bodenfruchtbarkeitssicht eher als „no-go“ betrachtet wird, muss man unter bestimmten Voraussetzungen definitiv als pflanzenbauliches Sicherheits-Element bezeichnen. Unter entsprechenden Bedingungen somit nicht voreilig darauf verzichten!
Stufe 2: Die Leguminosen zu Leistung führen
Die Leguminosen als Grundfuttervariante (Klee und Luzerne) wie auch zum Dreschen (Bohnen, Erbsen, Lupinen, Soja) sind zentrale Elemente der Öko-Fruchtfolgen – sie sind laut Richtlinien sogar vorgeschrieben. Was man aber nicht vorschreiben kann sind Qualität und Leistungsfähigkeit der Stickstoffsammler. Und die haben in den allermeisten Betrieben reichlich Luft nach oben. In beiden Fällen, bei Fein- und Grobleguminosen, ist der Schlüssel dazu das Etablieren einer möglichst kräftigen und verzweigten Wurzel mit einem intensiven Knöllchenbesatz. Bei den Grobleguminosen ist dafür die Bodenvorbereitung und anschließende Bestellqualität prägend. Optimal ist eine Bodenlockerung im Sommer, eine leichte Mistgabe, ein Zwischenfruchtanbau über Winter und der anschließende bodenschonende und pfluglose Übergang zur Kultur.
Die Feinleguminosen brauchen ihrerseits zur Ausbildung einer guten Wurzel Zeit. Blanksaaten Ende August bis Anfang September missachten das. Folgt dann der gefährliche trockene Frühsommer, so fällt der wichtige erste Schnitt in Menge und Qualität mau aus. Grundfutter-Knappheit ist zu einem großen Teil der Produktionstechnik geschuldet. Eine gute Wurzel erzeugen Blanksaaten im Juli bis maximal 10. August (das ist die Ausschlussfrist!) oder Untersaaten z. B. unter Grünhafer im Frühjahr. Je trockener ein Standort, umso wichtiger dieser Punkt.
Stufe 3: Verbundwirtschaften und Nährstoffkreisläufe organisieren
Die Vorzüge des Gemischtsystems wusste man schon Anfang des vorigen Jahrhunderts zu schätzen: „Ein landwirtschaftlicher Betrieb besteht aus einer Reihe verschiedener Betriebszweige wie Getreide, Hackfrucht, Futterbau sowie Rindvieh, Pferde, Schafe, Schweine und Geflügel. Jeder Betriebszweig ist für sich gesehen unselbständig, alle Bereiche zusammen bilden aber einen äußerst zweckmäßig funktionierenden Organismus“. Krzymowski 1919
So gesehen war die Spezialisierungswelle der 1960er bis 80er Jahre ein schwerer ökologischer und letztendlich auch ökonomischer Fehler. Im Öko-Landbau wirkt er sich besonders deutlich aus. Zurück zum bäuerlichen Gemischtbetrieb werden wir mehrheitlich wahrscheinlich nicht mehr kommen. Die Zusammenarbeit gegensätzlich spezialisierter Betriebe ist daher die Antwort der heutigen Zeit. Ein Selbstgänger ist das natürlich auch nicht (Faktor Mensch!) – im Erfolgsfall aber ein deutlicher Schritt nach vorn.
Stufe 4: Kulturen finden, die zu Standort und Markt passen
Nach einer Expansionswelle im Öko-Ackerbau geht das Einfache – das Getreide – im Markt häufig schlecht. Die Praxis sucht dann regelmäßig ihr Heil in den anspruchsvolleren Segmenten. Eiweiß, Öl und Hackfrüchte sind dann Alternativen mit ansteigenden Voraussetzungen an Standort, Betrieb und Betriebsleiter. Wer als Öko-Ackerbauer in jedem Segment „seine Pflanze“ findet, der dürfte auch schwierigere Zeiten im Markt gut überstehen.
Stufe 5: Langfristig ein höheres Bodenfruchtbarkeitsniveau anstreben
Wer finanziell gut gestellt ist, wer obendrein über freie mentale und Arbeits-Ressourcen verfügt, wer alles bisher Gesagte auf der Spur hat, der kann dann auch gerne einen weiteren Schritt in Richtung mehr Bodenfruchtbarkeit gehen. Die meisten Betriebe sind aber nicht an diesem Punkt und müssen daher ihre persönliche Balance zwischen übergeordneten Zielen und der eigenen Situation finden. Meistens stehen sich die Betriebe ganz gut, die nicht so viel wollen, aber das Verbleibende dann besonders gut können.