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Da ist Platz für mehr

Da ist Platz für mehr

1. August 2024AckerbauPresse-ArtikelStefan Rother

Gemüse, Kartoffeln und Zuckerrüben sind wachsende Biosegmente. Die niedrigen Selbstversorgungsgrade bieten den hiesigen Betrieben grundsätzlich Chancen. Mindestlohn und Margendruck stehen dem aber entgegen. Stefan Rother gibt einen Einblick in den Markt.

Biogemüse und Biokartoffeln sind buchstäblich in aller Munde. Sowohl ihr Marktanteil als auch der Anbauumfang wachsen. Konkret in Zahlen ausgedrückt: Im vergangenen Jahr wurden 15 % (+ 3 % gegenüber 2022) der deutschen Gemüseanbaufläche ökologisch bewirtschaftet und 12 % der Gemüseernte ökologisch erzeugt. Die Erntemenge stieg sogar um 11 %, was in der Ausweitung von Kulturen mit hohen Hektarerträgen wie Rote Rüben, Zwiebeln, Zucchini und Möhren begründet liegt.

Die Nachfrage nach Biogemüse wächst. Laut Marktforschung haben 2023 85 % aller deutschen Haushalte mindestens einmal Biogemüse gekauft – das ist trotz hoher Inflation ein Spitzenwert der sogenannten Käuferreichweite. Wie sich das nach Kultur und Menge zusammensetzt, zeigt die Grafik auf S. 78.

Dazu ist anzumerken, dass in der Statistik Freiland- und Gewächshausgemüse vereint dargestellt sind. Tomaten, Paprika und Gurken aus dem Gewächshaus werden aber weitgehend importiert. Die Rahmenbedingungen wie Wasserverfügbarkeit, Energie- und Lohnkosten wirken einfach zu wettbewerbsverzerrend im Vergleich mit z. B. den Niederlanden und den Mittelmeerländern. So sind nur etwa 1,6 % der Gemüseanbaufläche hierzulande unter Glas.

Große Vielfalt bei geringem Selbstversorgungsgrad – das sind die Kennzeichen der deutschen Biogemüseerzeugung. — Foto: landpixel

Welches Biogemüse wird eigentlich vor Ort produziert? Deutschland ist ein gemüsereiches Land mit großer Sortimentsvielfalt. Vor allem Biowurzel- und Knollengemüse wie Möhren, Zwiebeln und Rote Bete sind hier die Spitzenreiter und machen ein Drittel der Bioanbaufläche aus. Kürbis, Markerbsen und Spargel spielen ebenfalls oben mit.

Es gibt aber auch einen Wermutstropfen: Bei Biogemüse liegt der Selbstversorgungsgrad bei schmalen 36 %. Das bedeutet eine hohe Importquote. Für die mengenstärksten Biogemüse ergeben sich folgende Importanteile:

  • Möhren 37 %
  • Tomaten 87 %
  • Paprika 94 %
  • Gurken 87 %.
Die gefragtesten Biogemüse in Deutschland (%). — Quelle: AMI nach GfK-Haushaltspanel

Bildbeschreibung: Die Grafik vergleicht die private Nachfrage der Haushalte in Deutschland nach Mengenanteilen im Jahr 2023. Bei Ökogemüse ist Möhren der deutlich stärkste Balken; danach folgen Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Zucchini und Paprika. Die Vergleichsbalken für Gemüse insgesamt zeigen besonders hohe Anteile bei Tomaten und Gurken. Die Grafik macht damit sichtbar, dass die Nachfrageprofile von Ökogemüse und Gemüse insgesamt nicht deckungsgleich sind.

Viele der Gemüsearten gedeihen in unseren Breiten (noch) nicht. Aber ist ein Importanteil von 79 % bei Zucchini wirklich nötig, auch unter dem Aspekt der Saisonalität und ganzjährigen Verfügbarkeit? Wenn planerisch nur eine 50 %-ige Importquote bei Zucchini unterstellt würde, läge der Mehrbedarf aus deutscher Herkunft bei etwa 6 000 t.

Letztlich bestimmen die Preisargumente, dass Gemüse über 2 000 km aus Spanien transportiert wird und immer noch billiger ist als heimisch erzeugte Ware. Das ist im Wesentlichen eine politische Aufgabenstellung, denn auch im Freiland-Gemüsebau setzen Mindestlohn, CO2-Abgabe und neue Mautregelungen einem fairen Wettbewerb zwischen den Standorten kräftig zu.

Die Erzeuger spüren den enormen Margendruck, der vom wettbewerbsintensiven deutschen Handel ausgeht, vor allem in der Wintersaison. Der Handel erwartet ständige Verfügbarkeit bei über die Jahreszeit hinweg stabilen Preisen. Das gelingt meistens, führt aber auch zu Erwartungen auf der Verbraucherseite.

Vermarktung direkt an die Verbraucher oder in die Verarbeitung? Gemüse wird entweder frisch vermarktet oder in irgendeiner Weise verarbeitet, bevor es an die Verbraucher geht. Im Frischebereich sind die Sortimente und nachgefragten Sorten altbekannt, die Vielfalt nicht allzu groß. Ein paar bunte Möhrensorten und wieder populäre alte Sorten wie das Bamberger Hörnchen bei Kartoffeln tragen zu einer gewissen Vielfalt bei.

Interessant wird es mit anderen Vermarktungsideen der Verarbeiter. Das reicht von inzwischen großen Mittelständlern wie der Naturkostsafterei Voelkel, die inzwischen die 100-Mio.-€-Umsatzgrenze knackt, bis zu Startups wie SweMa in Berlin. Deren Produktidee: eine lupenreine Gemüsebrühe als Essenz, die den klassischen Brühwürfel ersetzt. Alle Zutaten sind Bio und möglichst aus regionalem Anbau. Voelkel hingegen kauft und verkauft international, das Kerngeschäft ist nach wie vor der Naturkostfachhandel. An heimischem Gemüse werden Möhren, Rote Bete und Rhabarber verarbeitet.

Einzelhandel, Wochenmarkt oder vertikale Integration? Erzeuger von Frischgemüse haben es derzeit schwer. Gründe sind der Niedergang der Bio- und Hofläden, der Arbeitskräftemangel und gestiegene Mindestlohn sowie klimatische Unbilden, die den Erzeugern und Vermarktern vor Ort das Leben schwer machen. Das führt zur Aufgabe von Verkaufsstellen und Marktständen, weil die Kunden letztlich zu den konventionellen und Biosupermärkten abwandern. Und das, obwohl regionale und saisonale Produkte der beste Maßstab für Nachhaltigkeit sind.

Der Biokartoffelmarkt ist aktuell von Knappheit und hohen Preisen geprägt. — Foto: landpixel

Die Biokartoffel – die Knolle mit Heimvorteil. Im Gegensatz zum Gemüse hat die Biokartoffel nur eine Importquote von 16 %, wobei der Löwenanteil auf die Frühkartoffel entfällt. Allerdings schwächeln die Verkaufserlöse: Nur 5,6 % entfielen 2023 auf die Biokartoffel.

Der Biokartoffelmarkt war zum Saisonübergang im Mai 2024 stabil, die Läger sind weitgehend geräumt. Das zeigt auch das vergleichsweise hohe Preisniveau von 76 €/dt für lose Ware zum Saisonende, das auch auf die Import-Frühkartoffeln durchgeschlagen ist. Insgesamt hat sich der Absatz für Biokartoffeln im ersten Quartal 2024 deutlich erholt (+ 18 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Allerdings waren die Vorjahre von einem andauernden Rückgang der Einkäufe privater Haushalte betroffen. Derzeit ist der Markt von Knappheit und hohen Preisen geprägt. Wetterkapriolen und Nässe haben zu einem verzögerten Start von Frühkartoffeln geführt.

Immerhin war der Verbrauch für Kartoffelerzeugnisse (bio und konventionell) wie Pommes, Chips und Kartoffelsalat mit knapp 38 kg pro Kopf noch nie so groß wie im Wirtschaftsjahr 2022/23. Aber nur 15 % der Biokartoffelfläche wird für Verarbeitungsprodukte und die Stärkeproduktion genutzt. Da ist noch Luft nach oben.

Insgesamt wächst das Angebot für Biokartoffeln. So ist die Zahl der anbauenden Betriebe in den vergangenen drei Jahren um 10 % gewachsen. Bayern hat in der Anbaufläche mit Niedersachsen gleichgezogen, allerdings mit signifikant kleineren Betriebsgrößen.

Für die Absatzförderung hilft die schon 2014 getroffene Vereinbarung vom Bio-Kartoffel-Erzeugerverein (BKE e.V.) initiierten runden Tisch zur Biowertschöpfungskette: Soweit verfügbar sollen nur deutsche Biokartoffeln über das Jahr verkauft werden. Das führt zu einer Versorgung nahezu bis zur neuen Saison, unterstützt von Investitionen der Erzeuger und Packer in Lager- und Kühlkapazitäten. Ein Beispiel, das auch im Gemüsebereich Schule machen könnte.

Biozuckerrüben werden auf lediglich 8 500 ha angebaut. Der Konkurrenzdruck aus Biorohrzucker begrenzt die Anbauausdehnung. — Foto: landpixel

Biozuckerrüben bisher ohne Bedeutung. Sie machen beispielsweise bei der Südzucker AG, einem der drei Platzhirsche in der deutschen Zuckerrübenverarbeitung, nur etwa 1 % der gesamten Verarbeitungsmenge aus. Aber die Menge wächst, auch wenn die Alternative Biorohrzucker billiger ist.

Zur Einordnung: Mit 392 000 ha (Saison 2023/24) macht der Rübenanbau 3,4 % der deutschen Ackerfläche aus. Deutschland übernimmt damit die Spitzenposition in der EU, nachdem in Frankreich – dem bisherigen Champion – die Fläche um 22 000 ha verringert wurde. Der Ökoanteil liegt mit 8 500 ha in Deutschland bei 2,1 % der Anbaufläche. Die Steigerungsraten der letzten Jahre zeigen ein gestiegenes Interesse an der Biozuckerrübe. Das liegt an der zunehmenden Verdrängung von Biorohrzucker als auch am Produktionsstart von Biozucker in der Zuckerfabrik Anklam 2023.

Die Verarbeitung von Biorüben beschränkt sich auf drei Zuckerfabriken: das Nordzucker-Werk Schladen, das Südzucker-Werk Rain und das Werk der Cosun Beet Company GmbH & Co KG in Anklam. Der Platzhirsch im Rheinland, Pfeifer & Langen, prüft den Einstieg in die Biorübenverarbeitung, aber noch müssen die Biobetriebe aus dem Einzugsgebiet in die Werke der Konkurrenz liefern.

Im Einzelhandel ist Biozucker aus Rüben noch nicht besonders präsent. Nur die Südzucker packt Zucker für Haushalte ab, ansonsten werden ausschließlich Großverbraucher in Industrie und Großküchen beliefert. Biozucker für Endverbraucher stammt zumeist aus Zuckerrohr und wird importiert.

Eine Studie der EBP Schweiz AG mit FiBL und Bioland aus dem Jahr 2018 hat den Umweltfußabdruck und soziale Risiken von heimischem Biorübenzucker und importiertem Biofairtrade-Rohrzucker aus Südamerika verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Biorübenzucker ist ökologisch und sozial besser. In der Studie wird eine um 37 % geringere Umweltbelastung durch Biorüben ausgewiesen. Auch der soziale Fußabdruck, der sich mit Parametern wie den Arbeitsbedingungen und Korruption beschäftigt, ist besser.

Die Zeichen stehen gut für einen Ausbau der heimischen Biozuckerproduktion, auch wenn der Biorohrzucker billiger ist. Allerdings erfordert der Anbau hohen Einsatz an Maschinen und Handarbeit für die Hacke. So wird allein für die Handhacke mit 200 h/ha gerechnet. Der Einsatz von autonom fahrenden Hackrobotern könnte Entlastung bringen. Wenn die Erträge und Erlöse stimmen sowie die Standortvoraussetzungen passen, ist der Rübenanbau auch ackerbaulich eine interessante Alternative.

Fazit. Gemüse, Kartoffeln und Zuckerrüben in Bioqualität sind wachsende Segmente im Lebensmittelmarkt. Beim Wettbewerb um die Kunden verlagert sich das Wachstum zunehmend auf die großen Handelsketten, was wiederum auf hohen Importquoten basiert. Da gibt es interessante Ansätze, die es aus Sicht heimischer Wertschöpfungsketten zu unterstützen lohnt. Die Wettbewerbsfähigkeit läuft letztlich immer noch über die Kosten, den Preis und die Lieferfähigkeit.