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Wissen

Bio-Marktfruchtbau im Land zwischen den Meeren

Bericht über die besonderen Bedingungen des ökologischen Marktfruchtbaus in Schleswig-Holstein, die Rolle von Kleegras und Nährstoffkreisläufen sowie Praxiserfahrungen mit organischen Düngern und Getreideabnehmern.

1. Oktober 2018 Presse-Artikel Conrad ThimmAckerbau

Bericht von einer Mitmach-Tagung in Neumünster, Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein ist seit Jahrzehnten das Land mit den höchsten konventionellen Getreideernten, nur vergleichbar mit Ost-England. Das liegt daran, dass der konventionelle Ackerbau den extremen N-Bedarf von Getreide im Mai mit N-Düngern voll befriedigen kann und dass dann die langen Tage bei kühlen Nächten zu einer einzigartigen Netto-Assimilation führen. In letzter Zeit gibt es aber zunehmende Probleme mit Resistenzen, so dass sich auch größere konventionelle Ackerbaubetriebe mit der Frage der Umstellung beschäftigen. Das Klima Schleswig-Holsteins macht die Umstellung aber aus zwei Gründen für den Ackerbau besonders schwierig und stellt auch für die langjährige Öko-Bewirtschaftung eine besondere Herausforderung dar, mit der sich der Öko-Landbau auseinandersetzen muss:

  1. Herbst und Winter sind in Schleswig-Holstein fast immer nass und mild (2017/18 besonders), so dass Rest-N vom vorigen Jahr überwiegend verlagert wird und die neue Vegetation mit einem N-Min Wert von im Schnitt nur 30 kg/ha beginnt.
  2. Das Frühjahr ist in Schleswig-Holstein so trocken (2018 besonders), dass die Mineralisation aus den Bodenvorräten für Getreide zu spät kommt.

Das Ergebnis der günstigen Bedingungen für den konventionellen Ackerbau und der schwierigen Bedingungen für den Öko-Ackerbau ist, dass der Öko-Anbau im Schnitt nur ein Drittel der konventionellen Erträge erreicht. Und dies in einem Land, in dem die Spezialisierung der Betriebe flächendeckend weit fortgeschritten ist.

Bio-Ackerbauberater Gustav Alvermann, selbst Naturland Bauer, gebührt der Verdienst, seit Jahren auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, die bis heute noch nicht in der Wissenschaft angekommen sind, obwohl sie für Erfolg und Misserfolg im Öko-Landbau im Norden entscheidend sind.

Alvermann weist aber nicht nur auf die Herausforderungen hin, sondern hat zusammen mit seinem alten Kollegen Conrad Thimm in Neumünster eine Mitmach-Tagung durchgeführt, bei der die verschiedenen Maßnahmen zum Umgang mit der besonderen N-Dynamik im Norden von Praktikern selbst vorgestellt, diskutiert und systematisch eingeordnet wurden. Die erste Unterscheidung betrifft schwere Böden (> 18 Prozent Ton) gegenüber leichteren Böden (< 18 Prozent Ton).

Auf schweren Böden ist zweijähriges Kleegras in der Fruchtfolge unvermeidbar, weil sonst die Distel nicht in den Griff zu kriegen ist. Für einen Ackerbaubetrieb ist die Frage der Nutzung von so viel Kleegras entscheidend. Kann er es an einen benachbarten Milchviehbetrieb geben und die Nährstoffäquivalente in Gülle zurückbekommen? Wenn das geht, kann meist auch der N-Bedarf des Getreides im Mai befriedigt werden. Ähnlich geht es mit der Kleegras-Lieferung an eine Biogas-Anlage mit Rücknahme der Nährstoff-äquivalenten Gärreste. Die Öko-Bauern Henning Gehs, der selbst Milchvieh hat, und Hans Richter-Harder aus Ostholstein lieferten die erfolgreichen Beispiele für solche Kreisläufe - auch wenn sie nicht immer umzusetzen sind und dann Alternativen gefunden werden müssen. Gehs‘ Betrieb ist dann auch noch ein Beispiel dafür, dass man ganz ohne Unkrautregulierung auskommen kann, wenn man regelmäßig erstklassiges Kleegras in die Fruchtfolge stellt.

Mittlerer Niederschlag im November in mm, Mittel: 1961–1990. Quelle: DWD. Teil der Abbildung „Über Winter nass ... und im Frühsommer trocken“ aus dem Artikel. — Quelle: DWD

Bildbeschreibung: Die November-Karte zeigt die räumliche Verteilung des mittleren Monatsniederschlags in Deutschland. Die Farblegende reicht von 20 bis 200 mm; die Karte ist Teil der im Artikel genannten Begründung „Über Winter nass“.

Mittlerer Niederschlag im Mai in mm, Mittel: 1961–1990. Quelle: DWD. Teil der Abbildung „Über Winter nass ... und im Frühsommer trocken“ aus dem Artikel. — Quelle: DWD

Bildbeschreibung: Die Mai-Karte zeigt die räumliche Verteilung des mittleren Monatsniederschlags in Deutschland. Die Farblegende reicht von 20 bis 200 mm; die Karte ist Teil der im Artikel genannten Begründung „im Frühsommer trocken“.

Auf leichteren Böden kann man im Ackerbau mit einjährigem Kleegras auskommen, vorausgesetzt, man reguliert das Unkraut, vor allem den Hederich, aktiv; mindestens so wichtig ist für solche Standorte (aber nicht nur für diese), dass man sich um die Nährstoffversorgung kümmert, wenn nicht intern, dann wenigstens extern. Die meisten Erfahrungen steuerten hier die Naturland Bauern Axel Altenweger vom KWS Gut Wiebrechtshausen in Südhannover und Dr. Karoline Arnold vom Vorharz bei. Sie haben verschiedene Maßnahmen der Düngung zur Verbesserung der Nährstoffsituation über Jahre ausprobiert und ihre Schlüsse daraus gezogen. Altenweger hat seine Bewertungen in einer Folie zusammengefasst: Bewertung der bislang auf Naturland Gut Wiebrechtshausen eingesetzten Dünger:

  • Champignonsubstart (Champost): „Volldünger“ mit hohem humusbildenden Anteil, wirkt nach mehrjähriger Anwendung, sehr ausgeglichener Nährstofffluss, als Alleindünger zu viel P2O5.
  • HTK: Wirkung wie Kalkamon, unkalkulierbar, geringe Mengen schlecht zu streuen, muss sofort einregnen oder eingearbeitet werden, stinkt, keine Humusbildung.
  • PPL und Kalivinase: gute N-Wirkung, wenn es gleich regnet, mit umgebauter Spritze gut einzubringen, im Verhältnis zu viel Kali, teuer.
  • Mist, speziell Schafmist: wirkt langfristig, ausgeglichene Zusammensetzung, humusbildend, wenn Stroh in FF importiert wird, Rotte wichtig, Lagerung problematisch (Abdeckung). Unkrautverschleppung möglich.
  • Kleegras (Silage): humusbildend, langfristige Wirkung, positive Wirkung auf Kleegrasbestand, Cut an Carry meist nicht zeitlich passend, daher Silage, rein auf N gerechnet zu teuer.
  • Biogassubstrat: gute N-Wirkung, ausgeglichene Inhaltsstoffe, exakte Ausbringung möglich, Fahrspuren!, Vorgaben zur Einarbeitung, bei unserer Entfernung zur BGA zu teuer.

Quelle: Vortragsfolie von Bauern Axel Altenweger, Bio-Marktfruchtanbau zwischen den Bergen.

Auf Vinasse ist Dr. Arnold in ihrer Präsentation näher eingegangen. In der Nähe einer großen Zuckerfabrik, die immer mehr Bio-Rüben verarbeitet, hofft sie in Zukunft auch direkt Vinasse von Bio-Rüben zu bekommen. Ergänzt wurden ihre Ausführungen von PD Dr. Debruck, der die längsten Erfahrungen mit Vinasse in Deutschland hat. Dag Brodersen von der Westküste stellte neben seinem Ackerbaubetrieb mit Schweinemast sein fotogestütztes Präzisions-Hackgerät Cameleon aus Schweden vor.

Am Nachmittag präsentierten sich potenzielle Getreideabnehmer wie Gut Rosenkrantz und die Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG.

Sämtliche Präsentationen stehen als Download unter www.bio2030.de bereit.

Conrad Thimm, Bio2030 Zukunftsdialoge