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Erweiterte Horizonte für Ackerbauern

Der Bericht zeigt, wie norddeutsche Bio-Ackerbaubetriebe mit trockenen, nassen oder sehr unterschiedlichen Standorten umgehen und welche Rolle Kooperationen, Fruchtfolge, Vermarktung und Wertevermittlung für tragfähige Betriebskonzepte spielen.

1. April 2019 Presse-Artikel Niklas WawrzyniakAckerbau
Erweiterte Horizonte für Ackerbauern

In Hannover kamen vor allem Landwirte aus Norddeutschland zusammen, um Ideen für den Ökolandbau unter besonderen Bedingungen zu entwickeln.

Ökologischer Ackerbau ist in Norddeutschland kein Selbstläufer. Zumindest im Vergleich zu Süddeutschland. Ein wesentlicher Faktor für das Pflanzenwachstum ist die Freisetzung von Nährstoffen aus dem Boden, vor allem von Stickstoff, zur rechten Zeit. Während es in der südlichen Hälfte der Republik in der Regel im Mai genügend regnet, dann, wenn die Kulturen die Nährstoffe brauchen, bleibt es im Norden vielerorts zu trocken. Im Herbst ist es im Norden nass, wenn es gilt, die Nährstoffe zu konservieren. Die Landwirte, die auf sehr leichten oder sehr schweren Böden wirtschaften, sind besonders gefordert. Ein dritter wichtiger Standortfaktor ist der Flächenpachtpreis, der je nach Region schwankt.

Mit diesem Bild eröffneten Bio-Ackerbauberater Gustav Alvermann und Moderator Conrad Thimm die Mitmachtagung 2019 in Hannover. Gekommen waren rund 150 ökologisch und konventionell wirtschaftende Bäuerinnen und Bauern aus dem Norden, Berater, Vertreter der Bio-Verbände und des Bauernverbandes, Marktakteure, Journalisten. Sie diskutierten einen Tag lang über den spezialisierten Öko-Ackerbau und die Bio-Märkte von heute und morgen. Ganz oben auf der Liste der Erwartungen an die Tagung: Netzwerken, Werte kennenlernen, Tipps für den eigenen Betrieb mitnehmen, Anregungen für Nährstoffmanagement, Erträge und Vermarktung holen.

Landwirte aus Norddeutschland stellten auf der Mitmachtagung in Hannover ihre Betriebskonzepte vor. — IMAGO, Niklas Wawerzyniak

Angepasste Strategien

Im Zentrum des Vormittags standen neun Bio-Landwirte und ihre Betriebskonzepte aus verschiedenen norddeutschen Regionen. Sie wirtschaften auf Sand bis Schwarzerde, bauen hauptsächlich Getreide oder eine breite Palette von Kulturen an und kooperieren mit tierhaltenden Landwirten, Veredelungsbetrieben oder Biogasanlagen, wenn sie nicht selbst Tiere halten. Die Verbundwirtschaft zählt zu den wichtigsten Gestaltungsmöglichkeiten reiner Ackerbaubetriebe in puncto Fruchtfolge, Nährstoffe, Bodenfruchtbarkeit und Verwertung von Kleegras. In der Erfolgsmatrix von Gustav Alvermann haben die Betriebe mit ihren Voraussetzungen weitgehend ausgewogene Produktionsmodelle gefunden.

Zum Beispiel der Demeter-Ackerbaubetrieb Osterhof in Nordfriesland. Dort kooperiert Betriebsleiter Dag Frerichs mit einem Naturland-Milchviehbetrieb in der Nachbarschaft und einem Legehennenbetrieb in Dänemark. „Die Futter-Mist-Kooperation macht den ökologischen Ackerbau erst wirtschaftlich“, resümiert der Landwirt. Seine vielfältigen Kulturen wachsen auf rund 900 ha Minutenböden, sandigem Lehm und Sand, deshalb ist der Grad der Eigenmechanisierung hoch.

Oder Bioland-Landwirt Hinrich Alvermann in der Lüneburger Heide: Er arbeitet viehlos auf 100 ha Sand und muss alle Flächen beregnen. Er kauft Hühnertrockenkot und Bioabfallkompost zu und kooperiert mit einem Milchviehbetrieb. Alvermann achtet auf eine ausgewogene fünfgliedrige Fruchtfolge aus Sommerungen und Winterungen, Blatt- und Halmfrucht, Leguminosen und Winterbegrünung. Mit der Bewässerung steuert er die Nährstoffe.

Naturland-Landwirt Moritz Reimer muss mit fast allen Bodenarten (37 bis 100 Bodenpunkte) auf 300 ha im nördlichen Vorharz zurechtkommen. Zwar verzichtet er auf eine feste Fruchtfolge, setzt aber auf Kulturvielfalt, konservierende Bodenbearbeitung und strebt den Anbau von Sonderkulturen an. Als Naturland-Betrieb düngt er Vinasse, zudem kooperiert mit einem Milchviehbetrieb.

So wirtschaften alle neun Landwirte unter ganz speziellen Gegebenheiten. In Arbeitsgruppen und in der großen Teilnehmerrunde stellten sie sich dem Austausch und der Diskussion.

Conrad Thimm (links) und Gustav Alvermann organisierten und moderierten die Mitmachtagung in Hannover. — IMAGO, Niklas Wawerzyniak

Nah am Markt

Am Nachmittag präsentierten sich Gerätehersteller, Vermarktungsgesellschaften und ein großer Zuckerrübenverarbeiter aus dem Norden. Vertreter der Bio-Anbauverbände äußerten sich zur Vermarktung über den LEH und den Discount und diskutierten mit den Tagungsgästen über die Zukunft des Bio-Markts. Dabei blieben die Themen Zusammenschluss der Bio-Verbände, Qualität, Glaubwürdigkeit, Werte und der gemeinsame Bildungsauftrag nicht aus, ebenso wenig die individuellen Potenziale der Direktvermarktung. Ein klares Votum erhielt die Stärkung der Bio-Verbände gegenüber dem Handel und damit verbunden war der Wunsch, mehr Werte über die Lebensmittel zu transportieren. Moderator Conrad Thimm verwies auf den noch immer geringen Anteil von Bio-Lebensmitteln am Gesamtmarkt. Er weiß aus seiner Zeit bei Kaiser‘s Tengelmann, dass die Konkurrenz unter den Handelsunternehmen hart ist. „Wer nah am Kunden ist, der ist erfolgreich“, meinte er.

Bioland-Präsidiumsmitglied und Landwirt Albert Haake betonte: „Es war noch nie so einfach wie heute, auf Ökolandbau umzustellen. Das ist der Verdienst der älteren Generation.“ Deshalb sei es die Pflicht der neuen Bio-Landwirte, neben der Betriebsoptimierung durch Fördergelder und Nährstoffe die Werte des ökologischen Landbaus zu verstehen und zu leben.

Etliche Teilnehmer zogen ein positives Fazit unter die Mitmachtagung. Berater Gustav Alvermann empfahl, binnen 72 Stunden mit der Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse zu beginnen.

Erfolgsmatrix für Bio-Ackerbaubetriebe

Je nach Standortvoraussetzung kann der Ackerbauer die Marktfruchtpalette anpassen oder eine Verbundwirtschaft beginnen, um ein weitgehend ausgewogenes Produktions- und Geschäftsmodell zu erhalten. Zum Beispiel kann eine Kleegras-Verbundwirtschaft den nachteiligen schweren Boden im maritimen Klima ausgleichen.

Erfolgsmatrix für Bio-Ackerbaubetriebe. Grün = günstig, rot = nachteilig. Quelle: Gustav Alvermann.
ErfolgsfaktorMerkmal+0-
Gegebene StandortvoraussetzungenBodensL/LössIS/LehmSand/Ton, tL
Gegebene StandortvoraussetzungenKlimakontinental-feuchtkontinentalmaritim oder kontinental-trocken
Gegebene StandortvoraussetzungenPachtpreis (€/ha)300600900
GestaltungsmöglichkeitenMarktfruchtpaletteHackfrüchteBlattfrüchte (Mais, Eiweiß, Öl)Getreide
GestaltungsmöglichkeitenVerbundwirtschaftFutterbauverbundVeredlungsverbundspezialisierter Ackerbau