Eine Umstellung auf »Öko« wird nicht allein deshalb erfolgreich, weil die Politik es will. Chancen und Risiken ergeben sich vor allem aus den Standortverhältnissen. Gustav Alvermann zeigt das am Beispiel erfolgreicher Betriebe in Schleswig-Holstein.
Bildbeschreibung: Die Karte zeigt Ökoflächen-Anteile in Schleswig-Holstein mit regionalen Werten 8,6 %, 7,4 %, 7,9 %, 5,3 %, 5,2 %, 3,3 %, 4,4 %, 5,4 %, 2,8 %, 7,4 % und 8,2 %. Markiert sind u. a. Nieharde Bio GbR in Steinbergkirche und Gut Rosenkrantz in Schinkel im Hügelland, Hof Backensholz in Oster-Ohrstedt und Wohldorfer Hof in Hamburg auf der Geest sowie Warfthof Wollatz in Süderdeich und Westhof in Friedrichsgabekoog in der Marsch. Quelle: Stat. Dienst des Bundes und der Länder.
Ackerfuchsschwanz wird stellenweise bestandsbildend. Septoria Tritici ist nicht mehr uneingeschränkt wegzubekommen. Der Raps kann sich der Schädlinge kaum noch erwehren, und Spätsaaten der Winterungen als Antwort auf Wirkstoffverluste enden regelmäßig im Matsch: Nach 50 Jahren Erfolgsgeschichte zeigt sich in Schleswig-Holstein, dass ein spezialisiertes Druschfruchtsystem mit hohem Anspruch an die Wertschöpfung langfristig ein ambitioniertes Vorhaben ist. Wenn das schon für das konventionelle Verfahren mit Mineralstickstoff und chemischem Pflanzenschutz gilt, so für ein biologisches allemal. Der norddeutsche Standort mit nassem Herbst und trocken-kaltem Frühsommer macht das deutlicher als jeder andere.
Gibt es überhaupt eine Lösung für die Bio-Bewirtschaftung der schweren Ackerstandorte an Nord- und Ostsee? Ja, sie gibt es – mit mehrjährigem Futterbau und dessen Nutzung im optimalen Fall durch Milchkühe. Leider finden sich in den ausgeprägten Ackerbauregionen die entsprechenden Milchkühe kaum noch, sie sind in die spezialisierten Futterbauregionen des mageren Mittelrückens abgewandert. Dort sorgen sie nun ihrerseits durch die hohe Konzentration auf der Fläche für Probleme. Das Grundwasser unter den leichten Geestböden füllt sich bei 800 mm Jahresniederschlag mit Schwerpunkt in der zweiten Jahreshälfte sukzessive mit Nitrat auf. Bei einem Viehbesatz von 2 Dungeinheiten/ha ist das auf solch einem Standort kaum zu vermeiden.
Schleswig-Holstein ist in der Bewirtschaftung regional stark spezialisiert: hier reiner Ackerbau, dort Futterbau-Milch mit hoher Intensität. Keine gute Voraussetzung für eine Umstellung auf den kreislaufgebundenen ökologischen Landbau! Somit befindet sich das nördlichste Bundesland im Ranking um den höchsten Bio-Flächenanteil auf Bundesebene weit unten. 7 % der landwirtschaftlichen Fläche waren Ende 2021 »Bio«. Nur Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen liegen mit 5 und 6 % hier noch darunter. Alle drei Bundesländer verbindet die hohe Standort-Spezialisierung und Intensität der konventionellen Landwirtschaft nebst den damit einhergehenden hohen Pachtpreisen.
Bio-Flächentreiber sind generell Dauergrünland und Ackerfutterbau mit moderatem Viehbesatz. In Schleswig-Holstein gibt es »bio« fast alles: bäuerliche Gemischtbetriebe, Hof-Bäckereien und -Käsereien, Direktvermarktung, spezialisierten Kartoffelbau, Gemüse und Obst. Somit gibt es nicht »den« Schlüssel, der einen besonders hohen oder niedrigen Bio-Flächenanteil in einzelnen Landkreisen erklärt.
Auffällig ist aber, dass nördlich des Nord-Ostsee-Kanals alle Landkreise über dem Bio-Landesschnitt liegen. Gleichzeitig liegen dort der Dauergrünland-Anteil bei den Bios mit 70 % und der Rindviehbesatz mit 0,8 Tieren/ha in den Landkreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg über dem in den südlicheren Landesteilen (Übersicht 1). Das Dauergrünland ist ein Bio-Flächentreiber. Nicht umsonst liegt auf Landesebene sein Anteil bei etwa 50 % der Biofläche, während der Gesamtgrünlandanteil deutlich darunter angesiedelt ist.
| Landkreis | prägende Produkte | Rinder/ha auf Biofläche | Dauergrünland Anteil der Biofläche | Bio-Anteil an landw. Fläche |
|---|---|---|---|---|
| Nordfriesland/Schleswig-Flensburg | Milch, Fleisch | 0,80 | 70 % | 8,6/7,4 % |
| Dithmarschen | Gemüse | 0,60 | 40 % | 7,9 % |
| Ostholstein | Getreide | 0,45 | 35 % | 3,3 % |
Wesentlich für die glatte Umstellung war Kleegras mit Nutzungskonzept.
Die Molkerei muss es bei uns schaffen, den nötigen Milchpreis zu generieren.
Anders verhält es sich im ackerbaulich geprägten Ostholstein. Die Biofläche liegt dort unter 4 %, das Dauergrünland ist durchschnittlich repräsentiert und der Bio-Viehbesatz nur gut halb so hoch wie im Norden. Bio-Schleswig-Holstein insgesamt ist weniger eine Kornkammer als eine Milchkammer, ein Fleischtopf und eine Kohlscheune. So war es übrigens über Jahrhunderte in der gesamten Landwirtschaft bis etwa 1960. Es gibt jedoch überall im Land sehr wohl Betriebe, die auf mehreren 100 ha vom Biogetreidebau leben – und das nicht schlecht. Sie vereinen beide im maritimen Klima nötigen Positivfaktoren: überwiegend mildes, handhabbares Land (< 15 % Ton) sowie ein Verbund-Konzept mit eigenen Tieren oder mit Viehbetrieben (Kleegras gegen Mist), mit Biogasanlagen oder Bio-Geflügelhaltern (Getreide gegen Hühnertrockenkot). Die Kombination beider Faktoren ermöglicht eine regionale Bewirtschaftung. Sie ist gekennzeichnet durch einen hohen Marktfruchtanteil (oft 80 %), einen hohen Anteil an Sommerungen (Sommergetreide, Ackerbohnen, z. T. auch Mais) und einen hohen Nutzungsgrad der organischen Düngemittel und Zwischenfrüchte nach deren Einarbeitung im Frühjahr.
Der Spezialfall Gemüsebau. Gemüse und insbesondere der Kohl als späte Sommerkultur findet diese Voraussetzungen auf den jungen Marschböden in Dithmarschen quasi automatisch vor. Die Böden sind mild und gut handhabbar, organische Düngemittel und Zwischenfrüchte können im Frühjahr mit zeitlichem Vorlauf eingearbeitet werden, und der regelmäßig ab Jahresmitte einsetzende maritime Sommerregen passt mit der nachfolgenden Bodenaktivität zur Hauptentwicklung der Kulturen. »Theoretisch« sagt dazu Romana Holle, Fachberaterin beim Ökoring. »In den zurückliegenden Jahren wurde auch bei uns das Wasser periodisch zum begrenzenden Faktor. Und Beregnung in der Marsch hat aus verschiedenen Gründen seine Grenzen.« Somit muss sich der Gemüsebau immer wieder neu erfinden und dem überregionalen Wettbewerb stellen.
So wechselt der Möhrenanbau im nahen Dänemark, in Niedersachsen und in Holland neuerdings auf die Sandböden mit Beregnung. Der Anspruch an die Lagerhauskapazität ist dort deutlich geringer, weil diese Böden eigentlich immer befahrbar sind. In der Marsch dagegen muss das Gemüse im nassen Herbst zügig raus aus dem Boden und rein ins Lagerhaus. Dennoch erwarten die regionalen Verarbeiter eine Ausweitung der Biogemüseerzeugung und stellen sich mit ihren Kapazitäten darauf ein. Schon heute ist der ackerbaulich geprägte Landkreis Dithmarschen durch das Gemüse im Bio-Flächenanteil auf 8 % gewachsen und damit auf Augenhöhe mit den viehintensiveren Regionen.
Die Chancen im Ökolandbau. Die Auswertungen des landwirtschaftlichen Buchführungsverbandes weisen für die erfassten Biobetriebe in Schleswig-Holstein in den vergangenen fünf Jahren einen Schnitt von 130 ha LF, einen Umsatz pro ha Getreide von 1400 € (35 dt/ha, 40 €/dt), eine Milchleistung von 7000 l pro Kuh und einen Gewinn von gut 500 €/ha aus. Dahinter verbergen sich natürlich sehr unterschiedliche Standorte, Betriebsstrukturen und Unternehmenskonzepte.
Die Verarbeitung gleich mit geschaffen: Drei Erfolgsgeschichten. Modellhaft für äußerst dynamische Betriebsentwicklungen und prägend für jeweils ein Schlüsselprodukt bzw. für eine ganze Region stehen die Betriebe Gut Rosenkrantz im östlichen Hügelland für Getreide, Hof Backensholz auf der Geest für Milch und der Westhof in der jungen Marsch für Gemüse – allesamt im drei- bis vierstelligen Hektar-Bereich angesiedelt. Alle drei Betriebe haben in der ersten Welle Anfang der 1990er Jahre umgestellt. Somit steht heute die nächste Generation in den Startlöchern oder hat das Ruder bereits übernommen.
Schon vor der Umstellung waren diese Betriebe auf Schlüsselprodukte spezialisiert, was produktionstechnisch (wie erläutert) kein Vorteil ist. Erschwerend kam hinzu, dass dafür seinerzeit keine Verarbeitungs- und kaum Handelsstrukturen vorhanden waren. Diese waren selbst zu schaffen, was in allen drei Beispielen beeindruckend gelungen ist. Es entstanden die Handelsgesellschaft für Naturprodukte Gut Rosenkrantz GmbH mit einer hohen fünfstelligen jährlichen Getreide-Tonnage (inkl. Mühle in Neumünster und Futtermühle in Niedersachsen), es entstanden die Hofkäserei Backensholz mit einem Verarbeitungsvolumen von heute mehreren Mio. l Milch und die BIO-FROST Westhof GmbH, die mitentscheidend ist für die Entwicklung des Bio-Gemüseanbaues in Dithmarschen.
Aber auch in der Produktion musste das Hindernis der starken Spezialisierung überwunden werden. Heute finden sich in diesen Betrieben verschiedenste Varianten der Verbundwirtschaft. Biogasanlagen mit diversen Fütterungskonzepten (Kleegras, Gemüseabfälle, Gülle und Mist) oder die Zusammenarbeit mit Geflügelhaltern spielen eine prägende Rolle. Und selbst die Hereinnahme von Spezialisten in die betriebliche Fruchtfolge nach dem »shop-in-shop«-Verfahren wird praktiziert, um den Pflanzenbau zu diversifizieren. Auf dem Westhof übernimmt ein selbstständiger Getreidebauer mit entsprechender Technikausstattung dieses Fruchtfolgeglied. Auf Hof Backensholz ist ein Kartoffelbauer in den Ablauf der Kulturen integriert.
Das sind illustre Beispiele dafür, wie Spezialisierungseffekte von Standort und Betrieb genutzt, aber deren Nachteile weitgehend überwunden werden können. Sie zeigen: Umstellungsentscheidungen ergeben sich nicht vorrangig aus dem persönlichen »Wollen« der Unternehmer/innen und auch nicht aus dem »Sollen« vonseiten einer auf Zeit gewählten politischen Vertretung. Sie fußen auf realen unternehmerischen Chancen. Die schleswig-holsteinische Landesregierung spricht verhalten von 15 % Bio bis zum Jahr 2030. Selbst das dürfte ambitioniert sein. Der Bioflächenanteil im Land mag für den Umwelt- und Naturschutz eine relevante Größe sein – für die Wertschöpfung bleibt es der Umsatz pro ha. Beide Größen müssen künftig stärker im Zusammenhang gesehen werden.
Die Übersicht 2 zeigt, wie wir die Umstellungschancen im nördlichsten Bundesland produktbezogen einschätzen.
Fazit. Setzt man die landwirtschaftliche Gesamterzeugung Schleswig-Holsteins in Relation zur deutschen, so kommt jede zwanzigste Tonne Getreide, jeder zehnte Liter Milch und jeder dritte Kohlkopf aus diesem Bundesland. Eine ähnliche Gewichtung nehmen diese Produktsegmente auch im ökologischen Landbau ein. Den Weg in den ökologischen Landbau werden weniger die regional so typischen Spezialbetriebe für Milch oder Getreide finden, sondern die Betriebe mit stimmiger Proportion zwischen Fläche und Viehbesatz. Es sei denn, man gleicht eine schwierige Ausgangslage mit außergewöhnlichem unternehmerischem Engagement mehr als aus.
Biogemüse ist eine Chance, wenn Standort und vor allem Vermarktung passen.
| Produkt | Situation vor Ort | Chancen |
|---|---|---|
| Gemüse | Regionale Verarbeiter wollen expandieren | + |
| Milch | Milch braucht gutes und preiswertes Futter; – auf gutem, preiswertem Grünland; – im Ackerfutterbau-Getreidebetrieb; – im Spezialbetrieb > 12 000 l Milch/ha LF | +; +; – |
| Getreide | »Kain braucht Abel« – Getreide ist ein Koppelprodukt zur Tierhaltung in der Erzeugung und Vermarktung (> 50 % Verwendung im Futter); – Bio-Getreidebau isoliert und spezialisiert; – schweres Land > 15 % Ton mit Futterbau; – mildes Land und Mehrfachkooperationen (Futterbau- und HTK-Getreide-Verbund) | –; o; + |
| Mutterkühe | auf preiswertem Grünland | o |
| Rindfleisch | bei Kombination mehrerer Förderprogramme (Ökolandbau + Naturschutz) | + |
| Schweine | hoher Marktbedarf, aber viele Hürden (Stallumbau, Genehmigungen, Ferkelversorgung) | o/+ |
| Eier | betriebsindividuell zur regionalen Vermarktung | o/+ |