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Breites Angebot für kaufkräftige Kunden

Breites Angebot für kaufkräftige Kunden

1. April 2023Regionale BeschaffenheitPresse-ArtikelConrad Thimm

Baden-Württemberg ist eines der »Mutterländer« des deutschen Ökolandbaues. Hier findet man noch das Ideal des auf Kreislaufwirtschaft basierenden Betriebes, das auch bei »Bio« zunehmend verloren geht. Conrad Thimm hat sich im »Ländle« umgesehen.

Fast ein Drittel aller Biobetriebe Deutschlands liegt in Baden-Württemberg. Das klingt nach viel. Über die Hälfte davon sind jedoch reine Streuobstbetriebe, die auch über die Hälfte der Biofläche im Land bewirtschaften. Von der übrigen Hälfte sind ein Drittel kleinere EU-Biobetriebe. Wenn wir ernsthaft über Bio in Baden-Württemberg reden, geht es um 3 000 Verbandsbetriebe mit einer Durchschnittsgröße von 50 ha. Ein knappes Drittel davon ist Mitglied bei Bioland, ein gutes Fünftel bei Demeter.

Beide Verbände haben im »Ländle« eine lange Geschichte. Bereits 1974 begann die Molkerei Hohenlohe e. G. in Schrozberg als Erste in Deutschland mit der Vermarktung von Demeter-Milchprodukten. Sie ist heute mit 110 Landwirten und einer Anlieferung von 30 Mio. l die größte Demeter-Molkerei Deutschlands. Ihr selbstbewusster Slogan lautet: »Aus Leidenschaft stur«. Dazu passt das Bild einer Kuh mit ausladenden Hörnern. Ob das hilft, wenn Brüssel endgültig die Weidepflicht für Biobetriebe verordnet? Dann werden wohl wie im ganzen Ländle und auch in Bayern viele Betriebe rück-umgestellt oder ganz aufgegeben. Die kleinen Strukturen in Folge der Realteilung, die Enge in den Dörfern und die fehlenden Aussiedlungsmöglichkeiten lassen oft keine anderen Lösungen zu.

Auch der Bioland-Verband hat seine deutschen Wurzeln im Baden-Württemberg der 1970er Jahre. Unter anderem auf dem Betrieb von Ernst Weichel, dem Erfinder des Ladewagens, bei Göppingen am Fuße der Schwäbischen Alb. 1989 wurde in Schrozberg die Organisch-biologische Erzeugergemeinschaft OBEG gegründet, die heute 6 500 t Getreide von 150 Betrieben umschlägt. In ihrer Größe sehr unterschiedlich, liegen sie in einem Umkreis von 100 km zum Teil in Baden-Württemberg und zum Teil in Bayern.

Ökoflächenanteile in Baden-Württemberg (2020 in %). — Quelle: Stat. Dienste des Bundes und der Länder

Bildbeschreibung: Die Karte zeigt Ökoflächenanteile in Baden-Württemberg (2020 in %) mit sichtbaren Werten 4,7 %, 6,3 %, 6,5 %, 6,9 %, 8,3 %, 8,6 %, 8,9 %, 9,2 %, 9,3 %, 9,5 %, 9,6 %, 9,8 %, 10,1 %, 10,2 %, 11,0 %, 11,7 %, 11,8 %, 12,8 %, 13,4 %, 14,1 %, 15,0 %, 15,1 %, 15,6 %, 15,8 %, 16,5 %, 17,7 %, 17,8 %, 19,0 %, 19,5 %, 20,0 %, 23,6 % und 24,0 %. Markiert sind Reiner Gansloser in Hermaringen, Wolfram Wiggert in Löffingen und Hans Holland in Ochsenhausen; außerdem sind Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und Freiburg beschriftet. Quelle: Stat. Dienste des Bundes und der Länder.

Kleine Betriebe, große Märkte. Baden-Württembergs Landwirtschaft ist bis heute kleinteilig und vielfältig strukturiert. Die Gründe liegen in der Natur (Boden und Klima auch für Obst und Gemüsebau geeignet), der Geschichte (Realteilung) und der Wirtschaft (Nebenerwerbsmöglichkeiten). Eine weithin dichte Besiedlung (städtische Strukturen) ist günstig für die Nachfrage nach heimischem Bio. Dazu kommt für den Westen die Nähe zu Frankreich mit seinen regionalen Feinschmecker-Präferenzen. Eine Umstellung auf Bio erfordert meist keine grundsätzliche Änderung der Betriebsstruktur. Bezeichnend für Baden-Württemberg sind vier regionale Naturkost-Großhändler – von zwölf, die es bundesweit gibt: das Handelskontor Willmann in Vaihingen Enz, erwachsen aus einer Demeter-Gärtnerei seit den 1930er Jahren, Kooperationspartner pax an in Engstingen bei Reutlingen, Bodan in Überlingen am Bodensee sowie Rinklin Naturkost in Eichstetten am Kaiserstuhl, der auf die Umstellung eines Gemischtbetriebes 1955 und die Mitbegründung des Bioland-Verbandes zurückgeht.

Auf der Schwäbischen Alb und östlich des Schwarzwaldes finden sich eher schwächere Ackerböden mit maximal 40 Bodenpunkten. Am Bodensee, im Rheintal und vom Nordwesten bis ins Zentrum überwiegen bessere Böden, die auf den Fildern südlich von Stuttgart bis über 80 Bodenpunkte erreichen. Dazu kommt überall der warme Regen im Frühjahr, der die Mineralisation passend für Biogetreide in Gang bringt.

Baden-Württemberg ist wohlhabend. Nicht nur in Stuttgart geben die Leute mehr als anderswo in Deutschland Geld für besonderes Essen aus. — Foto: GCJ/stock.adobe.com

Hohe Intensität, geringe Bioflächenanteile – und umgekehrt. Aus den 13,7 % Bioflächenanteil im Jahr 2020 sind aktuell 14,5 % geworden. Führend sind die Kreise Waldshut mit 24 % Bioflächenanteil im Jahr 2020 und Tübingen (23,6 %). Der Bezug zu den Grünlandanteilen liegt nahe. In den Kreisen Ludwigsburg, Heilbronn und Rhein-Neckar dagegen (alle zwischen 6 und 7 %) spielt der intensive Biogemüsebau für den regionalen Frischmarkt eine größere Rolle. Er braucht relativ wenig Fläche.

Führend ist »BW« beim Bioobstbau mit einem Viertel der deutschen Fläche und beim Bioweinbau mit fast einem Fünftel. Diese Dauerkulturflächen finden sich in allen Landkreisen mit Schwerpunkten in Ravensburg, Friedrichshafen und Freiburg. Über 20 % der Gemüseflächen in den Landkreisen Friedrichshafen, Waldshut, Sigmaringen, Zollernalb, Rottweil, Reutlingen, Böblingen, Schwäbisch-Hall und im Main-Tauber-Kreis sind biozertifiziert. Auch das Biogrünland ist über alle Kreise verteilt. An der Spitze liegen Ravensburg, Waldshut und Freiburg.

1983 umgestellt, 1988 eine der bundesweit ersten Biogasanlagen.

— Reiner Gansloser, Hermaringen. 40 ha Acker, 60 ha Grünland, sandiger Lehm, 770 mm Niederschlag, 60 Milchkühe mit Nachzucht, 2 x Kleegras, Körnermais, Dinkel, 90 kW Biogas in Kooperation mit fünf Bionachbarn, 400 kW Photovoltaik auf Dächern.

Milch- und Mutterkühe sowie Schweine und Geflügel überall. Biobetriebe mit Milchkühen gibt es in fast allen Kreisen. Im Nordwesten sind es meist nur weniger als fünf Betriebe je Landkreis, im Osten und Süden meist über 50. Die Schwarzwaldmilch in Freiburg erfasst die Milch von 215 Biobetrieben im Südwesten, rund ein Viertel ihrer Lieferbetriebe mit einem Fünftel der Milchmenge. Die Molkerei Gropper im bayerischen Bissingen, die unter anderem Aldi beliefert, erfasst Biomilch auch auf der Schwäbischen Alb. Auch Biomutterkuhhaltung gibt es in allen Landkreisen. Mit über 80 Betrieben je Kreis liegen die Landkreise Waldshut und Freiburg vorne. Ebenso ist die Schweinehaltung auf Biobetrieben im ganzen Land verbreitet. Selten sind sie jedoch darauf spezialisiert. Eher orientieren sie sich am Ideal des Gemischtbetriebes mit weitgehend geschlossenem innerbetrieblichem Nährstoffkreislauf. Die meisten Biobetriebe mit Schweinen gibt es im Süden und Südwesten des Landes. Die meisten Bioschweine werden regional vermarktet, in landwirtschaftlicher Direktvermarktung, über lokale Metzger oder im Südosten auch über den Edeka-Händler Feneberg. Ein Sonderfall ist die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall, die die urwüchsige Schwäbisch-Haller Rasse als regionale Spezialität über den eigenen Schlachthof und vor allem die Edeka Südwest vermarktet.

Selbst die Biolegehennen sind in überwiegend kleineren Einheiten auf Betriebe im ganzen Land verteilt. Dies ist der krasseste Gegensatz zu Bio in Norddeutschland, wo gerade die spezialisierten Biolegehennen-Betriebe wichtigste Kunden für Futtergetreide der Bioackerbauern in anderen Regionen sowie Lieferanten für den wichtigen Hühnertrockenkot sind.

Drei vielseitige Betriebe im Portrait

Der vielseitige Biobetrieb mit möglichst geschlossenen innerbetrieblichen Nährstoffskreisläufen ist in Baden-Württemberg nicht nur eine Folge der hier noch existierenden konventionellen Gemischtbetriebe, sondern wird auch in Kooperationen und mit Biogasanlagen weiterentwickelt. Im Folgenden werden drei Biobetriebe mit Biogas aus unterschiedlichen Regionen vorgestellt. »O-Töne« der Betriebsleiter können Sie in unserem podcast hören.

Reiner Gansloser, Hermaringen. Bereits 1983 stellte der Landwirt im Kreis Heidenheim den Betrieb auf Demeter um. Seit 1988 ist er Vorstand der Molkerei Hohenlohe. Heute bewirtschaftet sein Sohn 40 ha Acker, 50er Böden, und 60 ha Grünland bei 770 mm Niederschlag mit 60 Milchkühen plus weiblicher Nachzucht. Ebenfalls 1988 wurde als einer der ersten bundesweit eine Biogasanlage errichtet, die, später erweitert, heute von fünf Biolandwirten mit Kleegras und Gülle 50 : 50 beschickt wird und 90 kW leistet. Die Abwärme wird vielseitig genutzt. 2018 kam eine Photovoltaikanlage auf Dächern mit 400 kW dazu. Bis 2016 wurden eigene Demeter Fleisch und Wurstwaren, Getreide und zugekauftes Biogemüse vermarktet. Danach wurde der Betrieb auf Milcherzeugung, Ackerbau und die regenerative Energieproduktion mit Biogas und Photovoltaik konzentriert.

Hans Holland, Ochsenhausen. Das Hofgut Holland im Südosten Baden-Württembergs ist seit 1989 Naturland-Betrieb. Dort werden bei 48 Bodenpunkten und Niederschlägen von 950 mm auf 630 m Höhe auf 173 ha Acker und 13 ha Grünland bewirtschaftet sowie 350 Mastschweine gehalten. Von 77 ha Futterfläche wird Kleegras siliert, vor allem für die Biogasanlage (70 kW) und nur zu einem kleinen Teil als Beschäftigungsfutter für die Schweine. Die Biogasration besteht zu 70 % aus Kleegras und nur zu 30 % aus Mist und Jauche. Das Kleegras setzt sich zu 5 % aus Luzerne, 12 % Rotklee, 5 % Weißklee, 15 % Deutschem Weidelgras und 63 % Welschem Weidelgras zusammen. Die Fruchtfolge sieht so aus: Kleegras, Sommerweizen/Dinkel, Roggen, Zwischenfrucht, Triticale, Hafer. Die größte Herausforderung sieht Hans Holland in der Vermeidung von Bodenverdichtungen in dieser regenreichen Gegend.

Hans Holland, Ochsenhausen. 48er Böden, 950 mm Niederschlag, 173 ha Acker, 13 ha Grünland, 350 Mastschweine, 70 kW Biogasanlage.

Auch der Bioackerbau kann noch besser werden.

— Hans Holland, Ochsenhausen

Wolfram Wiggert, Löffingen. Ganz im Südwesten des Landes liegt auf 650 – 900 m Höhe der Bioland-Betrieb Haslachhof mit rund 500 ha, davon 140 ha Dauergrünland, und 33 Mutterkühen plus Nachzucht der gefährdeten regionalen Rasse Hinterwälder, die seit Neuestem mit Wagyu belegt werden. Der Betrieb begann in den 1970er Jahren im Nebenerwerb und wuchs über die Jahrzehnte durch Übernahme vieler kleiner Flächen, deren Besitzer zu einem nahe gelegenen Industrieunternehmen zur Arbeit gingen. Im Jahr 2002 wurde er auf Bioland umgestellt. Es zeigte sich, dass ohne organischen Dünger keine vernünftigen Erträge realisiert werden können. Die Mineralisation auf den tonigen Böden war zu langsam. »Auf den tonigen Böden bringt uns auch der hohe Humusanteil nichts, wenn die Wärme fehlt«, sagt Betriebsleiter Wolfram Wiggert. Die Hinterwälder-Rinder sind extrem genügsam und verwerten das Futter optimal. Der größte Teil des Luzerne-Gras-Gärheus wie auch der Aufwuchs von 40 ha Naturschutzflächen geht aber in die 500 kW Biogasanlage mit einer Flexi-Leistung von 2,5 MW. Außerdem wird die Wärme für die Versorgung von 250 Wohnhäusern und städtischen Gebäuden in Löffingen genutzt. 1 000 Festmeter Rest- und Schwachholz werden durch eine Holzhackschnitzel-Heizung verwertet, die von den Stadtwerken betrieben wird.

2023 soll eine Photovoltaikanlage auf 10 ha hauptsächlich als AgriPV errichtet werden. Die Module werden senkrecht installiert, um Strom in den Hauptbedarfszeiten morgens und abends zu produzieren. Dazwischen wird geackert. In der Fruchtfolge werden 85 ha Luzerne-Kleegras angebaut sowie in jeweils in 30 – 40 ha Flächeneinheiten Hafer, Dinkel, Einkorn, Roggen-Wintererbsen GPS, Grünroggen + Wintererbse-Ackergras, Roggen und auf 14 ha Wildpflanzen für Biogas und auf 3 ha Blühbrache.

Fazit. Bio in Baden-Württemberg hat durch warmen Regen im Frühjahr, immer noch weitverbreitete Gemischtbetriebe und eine große, interessierte und kaufkräftige Kundschaft beste Voraussetzungen. Begrenzt sind bei der hohen Bevölkerungs- und Betriebsdichte die Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn die Weidepflicht für Bio kommt, könnte die Anzahl der Biolandwirte jedoch eher abnehmen als wachsen. Dann wird sich zeigen, in welchem Umfang schwäbische, badische und fränkische Tüftler-Landwirte kreative Biolösungen finden.

Conrad Thimm, bio2030, Barth

Wolfram Wiggert, Hochschwarzwald, 650 – 900 m, 700 – 900 mm Niederschlag, 370 ha Acker, 140 ha Grünland inkl. 90 ha Kooperation, Hinterwälder-Rinder.

Kreislaufwirtschaft gelingt erst mit der Biogasanlage.

— Wolfram Wiggert, Hochschwarzwald