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In Niedersachsen tickt „Bio“ anders

Conrad Thimm berichtet von einer Bio2030-Mitmach-Tagung zu den besonderen Bedingungen des Ökolandbaus in Niedersachsen. Im Mittelpunkt stehen Bio-Schweine, Bio-Futter, regionale Kooperationen und transparente Vermarktungsstrukturen.

16. Juni 2016 Presse-Artikel Conrad ThimmTierhaltung
In Niedersachsen tickt „Bio“ anders

Biolandbau Niedersachsen hat mit rund drei Prozent nicht nur den geringsten Bio-Flächenanteil der Bundesländer, „Bio“ kämpft in Niedersachsen auch mit besonderen Herausforderungen. Wo und wie bietet hier der Ökolandbau Chancen?

Obwohl Niedersachsen den geringsten Bio-Flächenanteil aller Bundesländer hat, kommen über ein Drittel der Bio-Äpfel, Bio-Eier und Bio-Kartoffeln in Deutschland aus Niedersachsen. Dabei hat der Biolandbau in Niedersachsen mit drei besonderen Herausforderungen zu kämpfen.

Erstens setzt auf Grund der Frühjahrstrockenheit die natürliche Mineralisation zu spät für Getreide ein, so dass die Bio-Getreideerträge meist nur rund ein Drittel der konventionellen Erträge erreichen. Zweitens ist die Spezialisierung der landwirtschaftlichen Betriebe so weit fortgeschritten, dass das Bio-Ideal des vielseitigen Hofes kaum realisiert werden kann. Zum Dritten sind in manchen Gegenden die Pachtpreise für Land so hoch, dass sie der flächengebundene Bio-Betrieb nicht erwirtschaften kann.

Da liegt die Frage nahe, ob unter solchen Bedingungen Biolandbau eine Alternative sein kann. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, trafen sich konventionelle und Bio-Landwirte, Verarbeiter und Händler sowie Berater und Politikvertreter zu einer sogenannten Mitmach-Tagung.

Bio-Futter aus heimischer Erzeugung ist gesucht. Aber die Pachtpreise sind regional so hoch, dass der Anbau kaum lohnt. — Foto: Raupert

Mehr Bio-Schweine braucht das Land

Viele konventionelle Milchviehhalter möchten auf Bio umstellen. Das ist bei extensiver Grünlandbewirtschaftung kein Problem. Wenn aber über 10.000 Kilogramm Milch pro Hektar gemolken werden, ist die Umstellung meist nur in einer Futter-Mist-Kooperation mit einem Bio-Nachbarn möglich. Eine andere Frage ist die Vermarktung. Zwei Molkereien, die Molkerei Ammerland und die Hofmolkerei Dehlwes, berichteten auf der Tagung, dass sie ihre Bio-Milchannahme schon erheblich vergrößert haben. Da die Molkereien aber für noch mehr Bio-Milch keinen Absatz garantieren können, haben sie inzwischen einen Aufnahmestopp für neue Lieferanten verfügt. Auch andere Molkereien sind kaum an Neuzugängen interessiert.

Ganz anders die Situation bei den Bio-Schweinen. Wie der Bio-Berater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Jan Hempler, zeigte, sind die Preise für Bio-Schweine in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seitens des Handels waren die beiden größten Bio-Schweine-Vermarkter Europas auf der Tagung vertreten: Friland J. Hansen, eine Tochter von Danish Crown mit seinem Geschäftsführer Jürgen Hansen aus Kiel, sowie De Groene Weg, eine Tochter von Vion mit dem Direktor Landwirtschaft Deutschland, Dr. Heinz Schweer. Die Vermarkter bestätigten, dass sie weit mehr Bio-Schweine verkaufen könnten.

Bio-Futter für Hühner, Schweine oder Kraftfutter für Milchkühe wird gesucht. Es muss zu einem erheblichen Teil aus der Ukraine, Rumänien und dem Baltikum eingeführt werden. Dort betragen die Pachtpreise für Anbauflächen nur einen Bruchteil der in Niedersachsen üblichen Preise, aber die natürlichen Wachstumsbedingungen für Getreide und Eiweißpflanzen wie Soja und Lupinen sind dort oft besser.

Verschiedene Futtermühlen wie der Meyerhof zu Bakum, Reudink und Gut Rosenkrantz würden gerne mehr heimische Herkünfte nutzen. Sie können die Bio-Bauern aber nur wettbewerbsfähig beliefern, wenn gleiche Bedingungen für alle gelten. Dies könnte über eine Anpassung der Richtlinien für den Ökolandbau geschehen. Eine Erhöhung des Pflichtanteils an heimischen Komponenten auf 40 % im Bio-Mischfutter und ein Bio-Futter-Getreidepreis von 35 Euro je Dezitonne würden den Bio-Getreideanbau im maritimen Klima Norddeutschlands deutlich rentabler machen.

Der erfahrene Bio-Ackerbauberater Gustav Alvermann vom Ökoring Schleswig-Holstein propagierte die Kombination von Bio-Ackerbau mit Milchvieh, Biogas, Hühner- oder Schweinehaltung – und wenn nicht im eigenen Betrieb, dann als überbetriebliche Kooperation.

Kooperationen für mehr Bio-Anbau

Ein Beispiel für Kooperationen lieferte Monika Tietke vom Bio Kartoffel Erzeuger Verein aus dem Wendland. Der Verein startete die Initiative „300 Tage im Jahr deutsche Bio-Kartoffeln“ und schließlich „mehrbio.de“ als Struktur, in der die vier größten Bio-Kartoffel Erzeugergruppen, – die Böhm-Gruppe und Hans-Willi Böhmer, sowie die Einzelhandels Filialisten-Rewe, Tegut und Alnatura – vertreten sind.

Mit dabei ist auch die Marktgenossenschaft der Naturland-Bauern, die sich als Hauptlieferant für Bio-Kartoffeln bei Aldi Nord eine Vertrauensstellung aufgebaut hat. Sie sorgt für Transparenz, indem auf jedem ihrer Aldi GutBio-Kartoffelnetze ein Code steht. Wer diesen auf der Website der Genossenschaft eingibt, kann zurückverfolgen, von welchem Bio-Betrieb die Kartoffeln kommen.

Transparenz und Verbraucheraufklärung war auch das zentrale Thema bei der Suche nach Lösungen für die Zukunft des Biolandbaus. Immer weniger Verbraucher haben einen Bezug zur Landwirtschaft oder wissen noch, wie Lebensmittel erzeugt werden. Das ist der Raum, in dem sich Ideen wie der Vegan-Hype ausbreiten. Ideen, die oft in einem Atemzug mit Bio genannt werden und doch in krassem Gegensatz zu einem Ökolandbau stehen, der die Tierhaltung für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft braucht.

Den Tagungsbericht mit den Präsentationen der Referenten finden Sie auf: www.bio2030.de.