Bioackerbau und -tierzucht fallen mehr und mehr in unterschiedliche Regionen oder gar Bundesländern auseinander. Eine Folge davon sind Futter-Mist-Kooperationen über weite Entfernungen. Diese entsprechen zwar nicht dem Ideal des Ökolandbaus, sorgen aber für geschlossene Kreisläufe und Wachstum in der Branche.
Bis 1980 gab es in ganz Norddeutschland nur wenige Demeterbetriebe. In den 1980er-Jahren kamen dann die ersten Biolandbetriebe auf. Anfangs überwogen noch Gemischtbetriebe mit Milchvieh. Dann kam die Milchquote und Höfe ohne Quote konnten nicht mehr in die Milcherzeugung einsteigen. Ende der 1980er-Jahre war der Biogetreidepreis mit 100 D-Mark je Doppelzentner doppelt so hoch wie der konventionelle. Kleegras in der Fruchtfolge wurde als Grünbrache staatlich bezuschusst. Eine ganze Reihe von größeren Ackerbaubetrieben stellte um. Nach anfänglichen Erfolgen gingen aber die Erträge dieser Betriebe ohne genügend Kreislaufwirtschaft und organische Dünger immer weiter zurück.
Um das Jahr 2000 herum begannen im Ökolandbau die ersten Transporte von sogenanntem Hühnertrockenkot (HTK)1 aus der Region Weser-Ems ins östliche Niedersachsen und nach Schleswig-Holstein. Wer reine Ackerbaubetriebe führte und zum Beispiel Ökobrot- oder Futtergetreide erzeugte, kaufte für die Düngung seiner Felder Bio-Hühnertrockenkot ein. Die Erträge erholten sich seither spürbar, wobei sie in Norddeutschland beim Ökogetreide auch mit der Düngung durch Hühnertrockenkot selten 50 Prozent der jeweiligen konventionellen Erträge erreichen. Der Demeterhof Gut Körtlinghausen im nordrheinwestfälischen Rüthen hat seine Getreideerträge durch eine Futter-HTK-Kooperation mit einem Bionachbarn immerhin um über 15 Prozent steigern können (Schulze Pals, 2019).
1 HTK stammt aus der Legehennenhaltung. Der organische Wirtschaftsdünger hat TS-Gehalte von etwa 50 Prozent (+/- 5 %) und weist besonders hohe N- und P-Werte auf.
„Eigene“ Flächen sind rar
Während EU-Biobetriebe ohne eigene Flächen für Futteranbau und HTK-Düngung mit bis zu 39 000 Biolegehennen-Plätzen in mehreren Stallgebäuden wirtschaften dürfen, gelten für Naturlandbetriebe, dass je Stallgebäude maximal 12 000 Legehennen (à vier Gruppen) gehalten werden dürfen oder zweimal 3 000 bei anderen Bioverbänden. Weiterhin muss nach Verbandsrichtlinien die Hälfte des Futters auf eigenen Flächen erzeugt werden und mit der Hälfte des Hühnertrockenkots werden auch die eigenen Flächen gedüngt.
Kurz & Knapp
- In West-Niedersachsen gibt es kaum Ökoflächen, aber zwei Millionen Biolegehennen, zumeist auf EU-Ökobetrieben. Diese Betriebe kaufen Biofutter zu und geben Hühnertrockenkot überwiegend an Bioland- und Naturland-Ackerbaubetriebe in ganz Norddeutschland ab.
- Bio-Ackerbaubetriebe profitieren von der Futtergetreidenachfrage und der Hühnertrockenkot-Lieferung, die sich durch die hohe Nährstoffdichte des Düngers auch über größere Entfernungen lohnt.
- Futter-Dünger-Kooperationen sind zwar nicht ideal, aber der Schlüssel für eine relevante Expansion der Branche.
Da „eigene“ Flächen in Weser-Ems rar und teuer sind, kooperieren Öko-Ackerbaubetriebe in Ostniedersachsen, Schleswig-Holstein sowie Sachsen-Anhalt inzwischen mit Biohühnerhaltern. Erstere liefern das Futter, zweitere den Hühnertrockenkot. Diese Kooperationen werden wie ein Betrieb behandelt, auch wenn sie 150 Kilometer auseinanderliegen. Sie decken jedoch nur rund zehn Prozent aller Biolegehennen in Weser-Ems ab. Oder umgekehrt: 90 Prozent des Hühnertrockenkots und des jeweiligen Futters werden ohne Kooperation gehandelt.
Ein Rechenbeispiel: 12 000 Legehennen brauchen 560 Tonnen Futter und produzieren 280 Tonnen Hühnertrockenkot. Da davon bei den Bioverbänden die Hälfte vom eigenen Betrieb oder eben vom engen Kooperationspartner stammen muss, werden rund 280 Tonnen „eigenes“ Futter oder 70 Hektar Futtergetreidefläche benötigt. Bei Ausbringung von 3,5 bis fünf Tonnen Hühnertrockenkot pro Hektar können rund 55 bis 80 Hektar gedüngt werden. Den restlichen Futteranteil einschließlich Biosoja(-Kuchen) und Biosonnenblumen(-Kuchen) beziehen die regionalen Futtermühlen aus nationalen und internationalen Quellen.
Weser-Ems: Land des Viehs
Im Jahr 1957 galten weite Teile von Weser-Ems als „Ödland“ (Heide, Moor) mit einem Viehbesatz von 70 bis 100 Rindern und über 100 Schweinen je 100 Hektar. Damit war die Region jene mit dem höchsten Viehbesatz in ganz Deutschland. Im Laufe der Zeit ist der Viehbesatz dort auf zwei bis vier Großvieheinheiten je Hektar angewachsen, das entspricht etwa 1 400 bis 1 800 Schweinen je 100 Hektar. Gleichzeitig weist Weser-Ems heute die höchsten Nitrat- und Phosphatgehalte im Grundwasser auf. Tierhalter, die dringend Flächen für die Gülle-Ausbringung nachweisen müssen, zahlen Pachtpreise von 1 200 Euro je Hektar und Jahr.
Eine solche Pacht lässt sich mit Feldfrüchten nicht erwirtschaften und der weiträumige Gülle-Abtransport ist wegen des hohen Wassergehaltes zu teuer. Landwirten, die mit ihrem bisherigen Produktionszweig diese Pachten nicht bezahlen können, rät die Landwirtschaftskammer zur Ökogeflügelzucht, denn Bioeier und Bio-Hühnertrockenkot sind gefragt. Ökobetriebe in ganz Norddeutschland schätzen HTK als Dünger, der aufgrund der Nährstoffdichte (kaum Wasser und > 40 kg Gesamtnährstoffe je Tonne) auch über mehr als 200 Kilometer transportwürdig ist. Das nüchterne Ergebnis: Wachstum ist im Weser-Ems-Gebiet nur noch mit Ökogeflügel rentabel und das geht am einfachsten mit EU-Bio, also ohne die strengeren Verbandsvorgaben. Die Empfänger des HTK sind jedoch vor allem Bioland- und Naturlandbetriebe.
Obwohl in Weser-Ems mit über zwei Millionen Biolegehennen schon über vierzig Prozent der deutschen Biolegehennen leben, kommen Jahr für Jahr rund 200 000 Tiere dazu. In der Grafschaft Bentheim ist die Zahl der Ökobetriebe 2018 von sechs auf 33 gewachsen und im Emsland von 35 auf 89. Die meisten gehören keinem Bioverband an, sondern haben neben ihrem konventionellen Betrieb nur einen oder mehrere Ökolegehennen-Ställe – und bewirtschaften, wenn überhaupt, nur einen kleinen Teil ihrer Flächen biologisch.
Für ein typisches Stallensemble für 15 000 Hühner werden sechs Hektar für die Ausläufe gebraucht. Der vorgeschriebene Anteil regionalen Futters in Höhe von 20 Prozent an der Ration kann auf 40 Hektar selbst erzeugt werden, oder auch von Futtermühlen in Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern eingekauft werden. Die restlichen 80 Prozent des Ökofutters sind günstige internationale Herkünfte aus Rumänien, der Ukraine oder sonst woher. Wer keine oder nicht genug Bioflächen für den Hühnertrockenkot hat, lässt die vorgeschriebene Verbringung auf Ökoflächen von einem Vermittlungs- und Lieferdienst durchführen und bescheinigen.
Praktische Herausforderungen
Futter-HTK-Kooperationen sind interessant für die Kooperationspartner und die Branche, wenn sie sauber ausgeführt und gemanagt werden. Aus Sicht des Ackerbauern ergibt sich dadurch eine Versorgung von ein bis zwei Tonnen Hühnertrockenkot pro Hektar. Da HTK ein Volldünger ist, wirkt heute eher der Phosphatanteil begrenzend. Mittelfristig dürfen zehn Kilogramm P2O5 pro Hektar Überbilanz laut aktueller Düngeverordnung nicht überschritten werden. Das vermeidet von vornherein Fehlentwicklungen.
Die Einsatzmöglichkeiten für Hühnertrockenkot variieren je nach Boden, Klima und Kultur stark. Am einfachsten ist der Einsatz vor Blattfrüchten mit Beregnung, wie es auf den leichten Böden Ostniedersachsens meist geschieht. Da der Einsatz im Herbst durch die Düngeverordnung weitgehend ausgeschlossen ist, können Winterungen oft nur mit HTK gedüngt werden, wenn dieser über eine Biogasanlage verflüssigt wird. Das gesamte Handling innerhalb enger Kooperationen ist nicht einfach. In der Regel muss der Hühnertrockenkot regelmäßig übers ganze Jahr abgenommen werden, ausgebracht werden kann er (insbesondere aufgrund der neuen Düngeverordnung) aber nur zu ganz wenigen Terminen. Für viele Ackerbauern liegt der Schlüssel zum Erfolg in der Schaffung gesetzeskonformer Lagerkapazitäten.
Der menschliche Aspekt in engen Kooperationen ist nicht zu unterschätzen: Ackerbauern und Tierhalter in sehr unterschiedlichen Welten müssen sich aufeinander verlassen können. Sie lernen sich kennen und im besten Fall auch wertschätzen.
Alternativen zu Kreisläufen über längere Entfernungen
Das Auseinanderfallen von Viehhaltung und Ackerbau in verschiedene, weit voneinander entfernte Regionen entspricht nicht dem Ideal, mit dem der Ökolandbau einst angetreten ist. Diese Entwicklung ist zudem weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Eine Alternative wäre, Biohühnerställe in den Ackerbauregionen zu bauen. Das ist allerdings ein längerfristiges Projekt, da sämtliches Wissen und die Infrastruktur (Stallbauer, Berater, Abpacker und Vermarkter) fehlen. Einzelbetrieblich wird dieser Weg durchaus beschritten – in jedem Bundesland entstehen solche Ställe, oft gegen Widerstände von Behörden und Öffentlichkeit.
Alternativen oder Ergänzungen zur Düngung mit Hühnertrockenkot können mancherorts Kooperationen mit Milchviehbetrieben und Biogasanlagen sein (bis zu 15 Kilometer Entfernung) sowie Leguminosendüngung oder der Einsatz von Kartoffelfruchtwasser (Potato-Protein-Liquid, PPL) und Vinasse, die jedoch in der Regel ebenfalls weite Transportwege hinter sich haben.
Nicht ideal, aber eine Lösung
Futter- und HTK-Lieferungen sowie Kooperationen gleichen regionale Ungleichgewichte aus. Ökogetreide wird weltweit gehandelt. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Entfernung von den Nachbarbundesländern nach Weser-Ems viel „regionaler“. Auch die große Mehrheit der Nicht-Kooperationsbetriebe liefert das meiste Futtergetreide genau dorthin und sehr viele beziehen Hühnertrockenkot von dort. Auch Bioveredler in Schleswig-Holstein wie beispielsweise Schweinemäster liefern ihr Ökofuttergetreide nach Weser-Ems und bekommen dann Biomischfutter zurück. So bezieht sich eine Kontroverse in der Praxis auf den Unterschied im Transport zwischen Hühnertrockenkot und Mischfutter. Da hat die Biolegehennen-Haltung mit Kükentöten, Bruderhahnaufzucht und Zweinutzungszucht ganz andere Baustellen.
Futter- und HTK-Lieferungen sowie Kooperationen auf Entfernung entsprechen nicht dem Ideal des Biolandbaus. Aber ohne sie wäre der Ökolandbau im Nordwesten noch viel schwächer. Niedersachsen mit vier Prozent Bioflächenanteil sowie Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit je sechs Prozent gehören schon so zu den Schlusslichtern in Deutschland. Die Diskussion über Futter-Dünger-Kooperationen ähnelt jener über die Vermarktung von Biowaren beim Discounter: Man kann sie grundsätzlich ablehnen, sie ist aber der Schlüssel für eine mittelfristig relevante Expansion der Branche.
Umstellung auf Ökolandbau ist Umstellung vorhandener Betriebe. Diese Betriebe sind, anders als noch vor 40 Jahren, überwiegend einzelbetrieblich und regional spezialisiert. Die Spezialisierung entspricht der arbeitsteiligen Gesellschaft und dem Bestreben, durch Landwirtschaft einen adäquaten Facharbeiterlohn für die landwirtschaftliche Arbeit zu generieren. Dabei schließt man lieber die Kreisläufe über 200 Kilometer als gar nicht. Denn darauf, dass die großen Kreisläufe mit den Ausscheidungen der Bewohner der Metropolen geschlossen werden, kann man nicht warten.
Literatur: Schulze Pals, L. (2019): Den Kreislauf geöffnet. In: top agrar 8/2019, Landwirtschaftsverlag Münster.