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Kann Öko weiter ausgebaut werden?

Kann Öko weiter ausgebaut werden?

1. April 2022Regionale BeschaffenheitPresse-ArtikelGustav Alvermann

Auf den intensiven Ackerbau-Standorten im Nordosten ist der Ökolandbau eine Nische. Derzeit spricht viel dafür, dass dies so bleibt. Aber für Mutterkühe und Legehennen gibt es noch Potential, sagt Gustav Alvermann.

Auf einem guten Ackerstandort reichen die Argumente für »Bio« bei den aktuell sehr hohen Getreidepreisen nur selten aus. — Foto: landpixel

Dieses Bundesland ist eine Kornkammer. 80 % der landwirtschaftlichen Fläche bestehen aus Ackerland. Landestypisch sind 600 mm Jahresniederschlag – in Mecklenburg etwas darüber, östlich Rostock in Vorpommern meistens darunter. Zudem wird in Ostseenähe der trockene Frühsommer durch kühle Temperaturen abgemildert – bei hoher Sonneneinstrahlung ideal für Winterraps, -weizen und -gerste. Auf der Ackerfläche werden landesweit zu 75 % Druschfrüchte angebaut, in den Gunstlagen noch deutlich mehr. Was konventionell zu auffallend rentabler Bewirtschaftung führen kann, ist üblicherweise im ökologischen Landbau unterrepräsentiert: Winterkulturen, Milch, Schweine.

Kulturen oder Tierhaltungen, die öko weniger Leistungsabfall zeigen oder einen besonderen Markt finden, sind dagegen überproportional vertreten: Sommerblattfrüchte, Mutterkühe, Legehennen (Übersicht 1). Insgesamt gehört Mecklenburg-Vorpommern mit 13,2 % Bio-Flächenanteil zur Spitze der Bundesländer, nur knapp hinter Baden-Württemberg und noch vor Bayern. Das von Raps, Weizen und Gerste dominierte Nordwest-Mecklenburg kam Ende 2020 auf einen kreisweiten Anteil von 5,4 %. Vorpommern-Greifswald punktet dagegen mit 17,4 %. Dort hat sich schon recht früh das Geschäftsmodell Niedermoorgrünland plus Mutterkühe bzw. leichtes Ackerland mit Rindfleischerzeugung auf Ackerfutterbasis durchgesetzt.

Ein weiterer Faktor ist die Möglichkeit der Direktvermarktung. Welches Potential sich dahinter verbirgt, zeigt Übersicht 2. Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern haben beim Bio-Flächenanteil vergleichbar hohe Zahlen. Die Gesamt-Biofläche verteilt sich allerdings im Nordosten auf gut 1 000 Biobetriebe und im Südwesten auf 10 000. Ein Biobetrieb in Mecklenburg-Vorpommern ist knapp zehnmal so groß wie in Baden-Württemberg und hat sechsmal weniger Einwohner pro ha als mögliche Kunden. Es gibt dort beachtliche Beispiele für die Direktvermarktung; vorzugsweise am Rand von Schwerin, Rostock oder Stralsund. Das Gros der Betriebe verzichtet allerdings darauf. Typisch ist eher die Bildung straff organisierter Erzeugerorganisationen und Lieferketten.

Übersicht 1: Kulturen und Tierhaltungen im ökologischen Landbau (Deutschland). * % öko von gesamt – bundesweit 2020; Quelle: AMI

Anteile < 10 %Anteile > 10 %
LFAckerland6,5 %Dauergrünland19 %
GetreideW-Gerste; W-Weizen1,8 %; 3,3 %Dinkel (geschätzt); Hafer30 %; 34 %
Öl und EiweißW-Raps0,4 %Sonnenblume; Soja; Lupine27 %; 30 %; 54 %
Hackfrüchte und ObstZuckerrübe; Kartoffel1,5 %; 4,1 %Gemüse; Obst13 %; 20 %
KüheMilchkühe6,3 %Mutterkühe27 %
VeredelungMastschweine1,0 %Legehennen13 %

Übersicht 2: Potential für Direktvermarktung. Quellen: AMI, BÖLW Ende 2020

Mecklenburg-VorpommernBaden-Württemberg
Bioanteil an LF %13,213,7
Biofläche in ha177 000193 000
Anzahl Biobetriebe1 07110 624
ha pro Biobetrieb16518
Einwohner ca. in Mio.1,710,7
Einwohner/ha Ökofläche9,655,4

Biobetriebe mit deutlich über 1 000 ha setzen auf feste Abnehmerbindung. Jüngst berichtete die »Lebensmittelzeitung« über Abnahmeverträge zwischen dem auch außerhalb des Landes bekannten Gut Borken in Vorpommern und weiteren assoziierten Betrieben, der Ludwigsluster Fleisch- und Wurstspezialitäten GmbH und dem Einzelhandelsunternehmen Tegut. Die so gebundene landwirtschaftliche Fläche in Hektar dürfte deutlich fünfstellig sein.

Von Anfang an prägend für das Erfolgsdreieck Dauergrünland, Rindfleischerzeugung und Vermarktung ist der regional entstandene Biopark-Verband. Nicht umsonst trägt er das Wappentier des Bundeslandes – den Mecklenburger Ochsen – im Markenzeichen. Obwohl mittlerweile sehr breit aufgestellt, hat dieser Verband mit etwa 500 Mitgliedsbetrieben hier seine Kernkompetenz.

Ein dritter landestypischer Erzeugerzusammenschluss ist Bio-Fürstenhof. 20 kooperierende Betriebe halten etwa 300 000 Legehennen. Die Lieferkette wird komplett aus eigener Hand bedient. Dazu gehören eine Brüterei und Junghennen-Aufzucht, Futteranbau auf insgesamt 5 000 ha Ackerfläche, ein Futtermischwerk und die finale Eier-Abpackstation zur Auslieferung an den überregionalen Lebensmitteleinzelhandel. Die heute in der Geschäftsführung tätigen Schwestern Annalina und Leonie Behrens sind mittlerweile jedem norddeutschen Fernsehzuschauer bekannt und unterstützen so das Marketing. Diese Eier-Dynastie ist nicht der einzige derartige Zusammenschluss. Insgesamt kommen in größeren Kooperationen bis zu kleinen Haltungen in Mobilställen knapp 900 000 Biolegehennen zusammen – das sind rund 40 % aller Hühner im Land. An je 50 bis 100 Legehennen hängt jeweils das Dünge- und Futterabnahme-Potential für einen ha Bioackerfläche. Neben dem Rindfleisch von Dauergrünland und Acker ist die Biolegehennenhaltung mit dem überwiegend regional erzeugten Futter ein echter Motor für die Entwicklung der Bio-Fläche. Die mittleren Landkreise Ludwigslust, Parchim, Rostock und Mecklenburger Seenplatte dürften auch deshalb zweistellige Anteile ausweisen. Das ist ein Unterschied zu den Biohühnern in Weser-Ems, deren Futterrohstoffe überwiegend überregional u. a. auch aus Mecklenburg herantransportiert werden und somit nicht für mehr entsprechend bewirtschaftete Fläche vor Ort sorgen. Der Unterschied liegt in der Viehdichte und bei den Pachtpreisen. Mecklenburg-Vorpommern bietet mit 0,4 Dungeinheiten/ha insgesamt ausreichend Platz für noch mehr flächengebundene Tierhaltung.

Wegen der Futterknappheit entscheidet das Potential für Eiweiß- und Ölfrüchte.

— Hannes Helbing, Wismar
Hannes Helbing, Wismar, 200 ha, reiner Pachtbetrieb, schweres Land; Kleegras-Kooperation, Getreide und Ackerbohnen, Hühnertrockenkot-Kooperation, Kartoffeln zur Direktvermarktung an 15 Märkte der Region.

Größe ist nicht alles. An großen Betrieben scheiden sich die (Bio-)Geister. Feststellen muss man aber, dass sich deren Erfolg sehr stark auf der organisatorischen Ebene entscheidet. Oberhalb von 500 Milchkühen oder 1000 ha Acker wird das Management nicht einfacher. Das Rationalisierungspotential auf dem Bioacker ist durch mechanische Pflegemaßnahmen und die entscheidende intensivere Bodenbearbeitung eingegrenzt. In der Tierhaltung werden Bestände oft in kleinere Einheiten aufgeteilt – Mutterkuhherden zu je 80 Tieren, Legehennenställe mit selten mehr als 12 000 bis 15 000 Tieren, obendrein in 3 000er Einheiten.

Inhabergeführte Größenordnungen haben gerade im Ökolandbau durch dessen höheren Anspruch an handwerkliche Abläufe eine besondere Chance. Wenn sie das Potential ihrer Betriebe genau herausarbeiten und die Produktionstechnik optimal entwickeln, gehts ihnen meistens gut. Die sehr großen Betriebe haben dagegen die permanente Aufgabe der Akquise guter und motivierter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Nur wenn das gelingt sowie Geschäftsmodell und Management stimmen, dann geht es auch den Großen nicht schlecht.

Aktuell fallen alle Würfel neu.

— Dr. Heinrich Graf von Bassewitz, Dalwitz
Dr. Heinrich Graf von Bassewitz, Dalwitz. Vielseitiger Betrieb auf mittlerem Land, u. a. 700 ha Ackerbau mit Kleegras, Druschfrüchten und Kartoffeln; Biogasanlage (Kleegras und Mist von eigenen und Kooperationstieren).

Punktuelle Bedeutungen. Nicht so sehr entscheidend für die Landes-Biofläche, aber für die Wertschöpfung der einzelnen Betriebe, sind Milch, Kartoffeln, Obst und Gemüse. Biomilch macht in Mecklenburg-Vorpommern 2 % der Gesamtmenge aus, gegenüber 4 % bundesweit und 8 % in Bayern. 2020 ist die Erzeugung um 35 % nach oben geschnellt: 7 Mio. l, die im Wesentlichen auf einen Umsteller mit ca. 1 000 Milchkühen in zwei getrennten Ställen zurückzuführen sind. Bei Kartoffeln ist die Konzentration ähnlich. Gut siebfähige, handhabbare Böden sind eine Voraussetzung. Mit Beregnung, guter Winterzwischenfrucht und dem vor Ort ganz gut akquirierbaren Hühnertrockenkot gibt das gute Kartoffeln. Bei Bioobst und -gemüse gibt es viele kleine Erzeuger (Schwerpunkt Direktvermarktung) und wenige sehr große. Auf Erzeuger wie den aus Niedersachsen nach Westmecklenburg hereinagierenden Rudolf Behr geht es u. a. zurück, dass die nicht sehr große Freiland-Gemüsefläche in MV zu 24 % bio ist.

Neue Chancen im Ökolandbau? Die Geschäftsmodelle, welche dieses Bundesland bisher im Biobereich prägen, dürften eine kontinuierliche Weiterentwicklung ermöglichen. Auch Milch könnte (eng gekoppelt an die Markterschließung) noch Potential haben, weil sie überwiegend in Ackerfutterbaubetrieben erzeugt wird und keine unrealistisch hohe Erzeugungs-Intensität in kg/ha aufweist. Mecklenburg-Vorpommern hat Platz für Biofutterbau und -veredelung. Eine Flächenexplosion ist damit allerdings kaum zu erwarten. Dafür müssten sich konkrete Anreize für die Ackerbau-Großbetriebe ergeben, indem mehrere Push- und Pull-Faktoren zusammenkommen. Über einige von ihnen lässt sich aktuell nur spekulieren:

  • Ausweitung der Roten Gebiete mit eingegrenzter Düngeintensität,
  • weiterhin hohe konventionelle Düngekosten bei wieder sinkenden Marktfruchtpreisen,
  • ansteigende Probleme mit Resistenzen bei Pflanzenschutzmitteln,
  • straffer angezogene gesetzgeberische Zügel durch »Farm-to-Fork«,
  • ein nachhaltiger Sog bei Biofutter respektive -eiweiß,
  • eine Suche der Anklamer Zuckerfabrik nach Biorüben, verbunden mit Fortschritten bei der Robotik zur mechanischen Unkrautbekämpfung,
  • die Erkenntnis, dass man mit Futterleguminosen auch düngen kann.
Ökoflächenanteile in Mecklenburg-Vorp. (2020 in %). — Quelle: Stat. Dienste des Bundes und der Länder

Bildbeschreibung: Die Karte zeigt die Ökoflächenanteile in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2020. Ablesbar sind die Landkreiswerte 5,4 %, 9,9 %, 12,0 %, 17,4 %, 13,9 % und 11,7 %. Eingetragen sind Hannes Helbing in Wismar, Dr. Heinrich von Bassewitz in Dalwitz, Fürstenhof in Finkenthal, Behr in Gallin und Gut Borken in Viereck. Quelle: Statistische Dienste des Bundes und der Länder.

Rinder auf extensiven Flächen sind der Kontrapunkt zum intensiven Ackerbau.

Woher kommt der Dünger? Es gibt in Deutschland durchaus Bioackerbau-Betriebe, die sich in ihrem Konzept nicht zu sehr auf marktgängige mobile Dünger verlassen (HTK, PPL, Vinasse etc.), sondern ihre Marktfrüchte auf der Basis von Futterleguminosen-Vorfrucht und der Düngung mit deren Aufwüchsen erzeugen. Das ist zukunftsträchtig, denn die gehandelten organischen Düngemittel werden mit wachsender Bioackerfläche knapp und teuer (aktueller Preisanstieg um ca. 30 %). Abgesehen von den Kosten sind sie regional oft auch gar nicht verfügbar.

Das Wassergut Canitz bei Leipzig ist ein Beispiel, da es die Stickstoffversorgung überwiegend durch einen zweijährigen Luzerneschlag besorgt. Die Standortvoraussetzungen sind ähnlich denen in Vorpommern (550 mm Jahresniederschlag, 50er sandige Lehme). Unter trockenen Bedingungen können Leguminosen-Zwischenfrüchte und Druschleguminosen ackerbaulich keine tragende Rolle spielen. Der genutzte zweijährige Futterbau (je nach Region als Kleegras oder Luzerne) ist dann alternativlos. Die Tiefendurchwurzelung, Distelbereinigung und bis zu einem gewissen Grad auch die Samenunkraut-Prophylaxe werden dann gleich mitgeliefert.

Kleegras optimal nutzen. Der Aufwuchs des Kleegrases würde an zwei Stellen in der Fruchtfolge als Direktdünger (Mähen auf Schwad, Häcksler, Miststreuer) genutzt. Das erspart den Umweg der Konservierung und Nutzung als Düngesilage, in der Biogasanlage oder im Viehstall. Ist eine rentable Nutzung als Futter oder Substrat im Betrieb oder in der Region möglich, so wäre das natürlich klassisch und sicher noch eine Stufe sinnvoller.

»Cut & Carry« ist im flächenstarken Betrieb arbeits- und betriebswirtschaftlich dann darstellbar, wenn größere Feldblöcke entsprechend der Fruchtfolge in kleinere Einheiten unterteilt werden. Dann sind Aufwuchs-Geber- und Nehmer-Flächen für die Düngung immer in Sichtweite. Das Argument »das ist doch alles viel zu teuer« wird durch die aktuellen Mineraldüngerpreise ein Stück weit entschärft. Ein guter Kleegras- oder Luzerne-Bestand hat einen top Fruchtfolgeeffekt und liefert in drei Aufwüchsen gerne 300 kg N pro ha und Jahr. So gesehen gehen der Flächenanteil für den Futterbau auf das Konto Pflanzenschutz (weniger Unkraut, Pilzkrankheiten und Schädlinge) und die Berge- und Streukosten für den Aufwuchs auf das Düngerkonto.

Auch für größere Ackerbaubetriebe ist damit eine stickstoffautarke Bewirtschaftung hier und heute denkbar, wenn gesuchte Bio-Marktfrüchte erfolgreich verkauft werden.

Bei Eiern, Fleisch und Milch sehe ich höchstens einen moderaten Anstieg.

— Martin Stein
Martin Stein, Berater für Naturland mit Schwerpunkt Geflügel, Schweine und Milch.

Fazit. In Mecklenburg-Vorpommern folgen die Flächenanteile der konventionellen Geschäftsmodelle und die der Bioareale dem bundesweiten Trend – nur ausgeprägter. Konventionell dominieren auf den guten Ackerstandorten Raps, Weizen, Gerste und regional Zuckerrüben, dazu Milchkühe und punktuell Schweine. Fläche im Biobereich machen Dauergrünland, auf dem Mutterkühe grasen, und mittlere bis leichte Ackerstandorte, auf denen Futterpflanzen zur Rindfleisch- und auch zur Milcherzeugung wachsen. Hinzu kommen Druschfrüchte, die im Verbund mit umfangreichen Legehennen- oder Mastgeflügel-Haltungen und zunehmend auch durch Schweine veredelt werden. Die Bioanteile bei Dauergrünland, Mutterkühen und Legehennen dürften jeweils etwa doppelt so hoch ausfallen wie im ohnehin hohen Bundestrend. Wächst die Biofläche so wie in den vergangenen fünf Jahren weiter, so sind durchaus 20 % Anteil an der landwirtschaftlichen Fläche möglich. Für mehr müssten wahrscheinlich noch einige der konventionell so dominanten Druschbetriebe hinzukommen. Bis vor ein paar Wochen erschien das als nicht unwahrscheinlich.

Gustav Alvermann, bio2030.de, Westerau