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Arme Böden um das reiche Berlin

Arme Böden um das reiche Berlin

1. Mai 2022Regionale BeschaffenheitPresse-ArtikelConrad Thimm

Brandenburg hat die ärmsten Böden und die geringsten Niederschläge Deutschlands. Und die Nähe zu Berlins Kaufkraft. Beides sollte den Ökolandbau eher stimulieren. Warum dies aber nicht so einfach funktioniert, beschreibt Conrad Thimm.

Die sehr mageren Böden Brandenburgs sind die Ökostandorte schlechthin. Aber bereits der Unterschied zwischen 25 und 35 Bodenpunkten drückt sich im regionalen Flächenanteil aus. — Foto: microwesen/stock.adobe.com

Brandenburg hat mit über 14 % die höchsten Bioflächenanteile nach dem Saarland und Hessen und vor Baden-Württemberg und Bayern. Arme Böden und geringe Niederschläge führen zu relativ niedrigen Pachtpreisen und auch konventionell zu geringen Intensitäten und Erträgen. In Öko geht’s dann noch extensiver. Umso mehr schlagen die Flächenprämien zu Buche. Bestätigt werden diese Zusammenhänge durch die Kreise mit besseren Böden. So erreicht Märkisch-Oderland mit 7,9 % Bioflächenanteil nur etwas mehr als die Hälfte des Landesdurchschnitts. Das liegt am Oderbruch mit seinen schweren und fruchtbaren Böden, auf denen sich konventionelle Intensität auszahlt. Auch die Prignitz im Nordwesten hat mit 35 Bodenpunkten für Brandenburger Verhältnisse gute Böden und nur 5,7 % Bioflächenanteil. Ebenso wie das Bioflächenanteilsschlusslicht, der Landkreis Elbe-Elster im Südwesten mit 4,8 % bei 33 Bodenpunkten.

Darf es noch etwas Statistik sein? Der konventionelle Betriebsvergleichs-Betrieb bewirtschaftet über 1 000 ha, davon 84 % Acker und 16 % Grünland, und hat einen AK-Besatz von 1,6 je 100 ha. Als Biobetrieb ist er mit 750 ha etwas kleiner und bewirtschaftet 2/3 als Acker- und 1/3 Grünlandfläche mit sowie 1,3 AK je 100 ha. Im Gegensatz zum bundesweiten Trend wird in Brandenburg deutlich mehr Acker als Grünland ökologisch bewirtschaftet, aber der Grünlandanteil ist bei den Brandenburger Ökobetrieben immer noch doppelt so hoch wie bei den konventionellen Vergleichsbetrieben. Und man wundert sich: Obwohl die Ökobetriebe etwas kleiner als die konventionellen sind, ist der AK-Besatz geringer. Neben der allgemein extensiveren Bewirtschaftung liegt das auch am Viehbesatz, der im Vergleich konventionell bei 0,6 VE/ha liegt und in Öko bei 0,4.

Und wo ist »Öko« bisher besonders erfolgreich? Einsamer Spitzenreiter bei den Flächenanteilen ist der Landkreis Dahme-Spreewald mit 33,2 %. Diesen Landkreis prägt eine von Seen, Niedermoor und lehmigem Sand mit durchschnittlich 29 Bodenpunkten geprägte Landschaft. Große Betriebe, viele mit Milchvieh, stellten hier schon in den 1990er Jahren um. 2001 wurde aus der Hofmolkerei Münchehofe die Gläserne Molkerei, die 2012 einen weiteren Standort in Dechow, Mecklenburg, bezog, heute zur Schweizer Emmi-Gruppe gehört und bei einem Umsatz von über 100 Mio. € mit der eigenen Marke und Handelsmarken in praktisch allen Mainstream- und Biomärkten Nord- und Ostdeutschlands zu finden ist.

Ökoflächenanteile in Brandenburg (2020 in %). — Quelle: Stat. Dienste des Bundes und der Länder

Bildbeschreibung: Die Karte zeigt die Ökoflächenanteile in Brandenburg im Jahr 2020. Ablesbar sind die Werte 5,7 %, 13,0 %, 14,8 %, 14,5 %, 20,6 %, 14,1 %, 7,9 %, 9,5 %, 10,7 %, 14,0 %, 33,2 %, 4,8 %, 19,6 % und 20,1 %. Markiert sind Steffen Jennerjahn in Plattenburg, Anna Michel in Templin und Heiner Lütke Schwienhorst in Vetschau. Quelle: Statistische Dienste des Bundes und der Länder.

Nach ständigen Verlusten und vier Jahren mit unter 500 mm Niederschlag haben jedoch einige große Betriebe die Milchproduktion aufgegeben. Alternativen wie Legehennen scheitern auch in Bio in der Region ebenso wie Photovoltaik an nicht landwirtschaftlichen Bürgerinitiativen. Manch einer rechnet hier mit einem Großbetriebssterben, wenn Diesel teuer bleibt und der Mindestlohn von 12 €/Stunde in Kraft tritt.

Eine Besonderheit bietet zwischen der Uckermark und Berlin der Landkreis Barnim. Dort liegt der größere Teil des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Schon 2011 wurden ein Drittel der 44 000 ha LN des Reservats ökologisch bewirtschaftet. Ein ganzes Dorf, Brodowin, stellte mit Hilfe eines Westinvestors kurz nach der Wende komplett auf Demeter um. Auf 1 600 ha werden dort Milchkühe, Ziegen und Legehennen gehalten, Mähdruschfrüchte und Gemüse erzeugt, eine Molkerei und eine vielseitige Vertriebsgesellschaft betrieben, die neben einem Lieferservice nach Berlin auch einen Hofladen, ein Klostercafé und einen Catering-Service betreibt. 2020 kamen weitere 850 ha in 8 km Entfernung dazu. In der Kreisstadt Eberswalde hat die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung mit anderen ein überverbandliches Versuchs- und Beratungs-Netzwerk initiiert und verschiedene Innovationsprojekte aufgelegt. Dazu gehört »Bio Gemüse Brandenburg«, in dem mit niedersächsischer Beratung Erzeugung und Vermarktung von Kartoffeln und Gemüse nach Berlin entwickelt werden. Ein Teil davon ist die regionale Vermarktung durch die Rewe und die Entwicklung von Convenience-Lieferketten für Außer-Haus-Verpflegung und Großverbraucher.

Berlin und sein Umland sollten als kaufkräftiger Absatzmarkt ein Paradies für »Öko« sein. Die reichlich vorhandenen Mähdruschfrüchte sind allerdings weniger gefragt als regional erzeugte Milch und Eier. — Foto: Frank Peters/stock.adobe.com

Der Ökomarkt kann ohne Verarbeitung nicht so schnell wachsen.

— Steffen Jennerjahn, Plattenburg
Steffen Jennerjahn, Plattenburg (Prignitz), 400 ha Ackerfläche (35 Bodenpunkte). 80 ha Grünland (Rindermast) als Ausgründung durch seinen Sohn.

Herausforderung ASP. Ebenfalls um die 20 % Bioflächenanteile haben die beiden südöstlichen Landkreise Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz mit um die 31 Bodenpunkten. Die übrigen Landkreise liegen eher näher am Landesdurchschnitt von 14 % Bioflächenanteil bei Bodenpunkten von knapp 30 bis 36. Entlang der gesamten deutsch-polnischen Grenze an der Oder bestehen Schutzzonen gegen die Afrikanische Schweinepest, die für Einschränkungen bei der Bewirtschaftung führen – insbesondere der Schweinezucht und -mast und ganz besonders auf Biobetrieben. Die Aufgabe eines Betriebszweiges oder sogar des ganzen landwirtschaftlichen Betriebes in diesem Zusammenhang sind keine Seltenheit in diesen Regionen.

Alle wollen regionale Produkte. Berlin sei arm, aber sexy, so ging ein alter Spruch. Inzwischen ist die Hauptstadtregion für Bio immer noch sexy, aber nicht mehr arm. Neben den üblichen Discountern, Verbraucher- und Drogeriemärkten, die alle mehr oder weniger umfangreiche Biosortimente führen, und vielen kleineren Bioläden gibt es dort über 130 große Biomärkte, davon 55 Bio-Company Filialen und 49 denn’s Biomärkte – und alle wollen regionale Produkte.

Das geht inzwischen bei Milch und Molkereiprodukten, der größten Biokategorie, mit der Gläsernen Molkerei und den Molkereien Brodowin, Lobetal und Luisenhof Milchmanufaktur für Berlin. Letztere initiiert und geleitet von Hubert Böhmann und Michael Müller, unter deren Leitung die Gläserne Molkerei heranwuchs, bis sie an die Emmi-Gruppe verkauft wurde. Allmählich wird aber der Rohstoff Biomilch knapp, weil die Generation der Hofgründer nach der Wende in Rente geht und Melker kaum zu finden sind. Dazu kommt, dass unter derzeitigen konventionellen Milch-Erzeugerpreisen kaum ein Betrieb umstellt.

Das grundsätzliche Dilemma ist: Die Betriebe wollen ihre großen Bioflächen möglichst extensiv, das heißt am liebsten mit Mähdruschfrüchten, bewirtschaften. Die Berliner Märkte wollen regionale Bioprodukte haben, außer ausgerechnet große Mengen an Mähdruschfrüchten. Auch bundesweit wird nur knapp ein Drittel der Biomähdruschfrüchte von Menschen konsumiert, während zwei Drittel verfüttert werden. Und das bei relativ viel geringeren Acker- und Mähdruschfrüchteanteilen als in Brandenburg.

Stabile Erträge wurzeln tief. Leichte Böden mit geringen Niederschlägen sind immer eine große Herausforderung für Ackerbauern. Sind dann auch noch die Preise für Roggen im Keller wie 2019/20, dann stellt so mancher von Öko wieder zurück auf Konventionell um. Das gilt besonders für EU-Biobetriebe, die meist weniger mit im Biolandbau erfahrenen Kollegen, Beratern und Händlern vernetzt sind. Bei allen Unterschieden in den Lösungsansätzen zeigen sich folgende Erkenntnisse, die zum Teil banal erscheinen, aber in der Praxis durchaus relevant sind:

  • Grobe pflanzenbauliche Fehler vermeiden wie Bodenbefahren und -bearbeiten bei Nässe oder Stickstoff-Mobilisierung zur falschen Zeit. Stattdessen für lückenlose Feldaufgänge sorgen, gerade in Trockenjahren und -regionen. Zum Beispiel zu Mais nur jeweils so viel pflügen, wie am gleichen Tag noch gesät werden kann, um die Bodenfeuchte zur Keimung zu nutzen.
  • Kurzfristig wirksame Verbesserungen einführen, z. B. leistungsfähige Leguminosen durch eine wurzelorientierte Produktionstechnik fördern.
  • Nährstoffkreisläufe organisieren: Roggen für Schweine, Schweinemist für Roggen oder die Verbindung von Körnermais mit Geflügel. Je schwächer die ackerbauliche Basis, umso wichtiger ist dieser Aspekt.
  • Kulturen finden, die auf den Standort und in den Markt passen wie Sonnenblumen, Öllein, Nutzhanf, Hirse und andere.
  • Langfristig ein höheres Niveau der Bodenfruchtbarkeit anstreben, am besten durch guten zweijährigen Kleegras-Futterbau und Rindermist, wenn dabei vertikal tief gelockert und durch den Pflug organische Substanz zum richtigen Zeitpunkt mobilisiert wird. Dazu ein erfahrener Biobetriebsleiter aus der Uckermark: »Wir hatten durch den Verzicht auf den Pflug unsere ohnehin schon niedrigen Biogetreideerträge noch einmal halbiert.«

Sättigung bei den Eiern? Noch vor zwei Jahren wurden Bioeier gesucht, die zweitgrößte Biokategorie. Und besonders in Verbandsqualität. Zwar gibt es eine Initiative für die gemeinsame Vermarktung aus Mobilställen, aber das bleibt auch mit externer Förderung eine Nische in der Nische. Mehr kommt von stationären Legehennenställen. Vier 3 000er-Einheiten hat kürzlich die auf Bioland umgestellte Trebnitzer Agrarproduktionsgesellschaft TAP 60 km östlich von Berlin gebaut. Die TAP mit 780 ha Acker begann gleich nach Anlauf des ersten 12 000er-Stalls mit den Vorbereitungen für den zweiten, ebenso großen. Im betriebseigenen Biokreislauf veredeln jeweils 50–100 Legehennen das Futter von einem Hektar und düngen diesen auch wieder. Die dann 24 000 Legehennen der TAP bilden einen Futter-Mist-Kreislauf mit 240 bis 480 ha Acker. Gäbe es nicht inzwischen Anzeichen einer Marktsättigung bei Bioeiern, dann würde ein solches Modell vielen Bioackerbaubetrieben auf mageren Böden in Brandenburg guttun. Finanzierung, Fachkräftemangel, Knappheit an hochwertigen Eiweißen in Bioqualität und gegnerische Bürgerinitiativen sind jedoch begrenzende Faktoren.

Das Land Brandenburg will den Bioflächenanteil bis 2026 auf 20 % erhöhen. Ein Ökoaktionsplan soll auch die regionalen Lieferketten und Absatzwege in die Hauptstadtregion entwickeln. Als Erstes wurden ein »bio Brandenburg«-Siegel sowie ein konventionelles Regionalsiegel eingeführt. Auch der Bauernverband (dessen Präsident einen Biobetrieb leitet) hat mit dem »Neuen Brandenburger Weg« einen Zukunftsvertrag für eine regionale Ernährungsverantwortung vorgeschlagen. Das ist kein leichtes Unterfangen, weil sowohl geeignete Erzeugungs- wie auch Verarbeitungsstrukturen fehlen. Zwar gibt es Molkereien und Eierpackstellen für Bio, aber schon für Getreide gibt es seit der Insolvenz der Bioland Markt GmbH vor Ort keinen überregionalen Händler mehr. Biorinder Schlachtung und Zerlegung gibt es in größerem Maßstab nur außerhalb des Landes: im Norden in Teterow, Mecklenburg, und südlich in Belgern, Sachsen. Die Schlachtung und Zerlegung von Bioschweinen findet zwar bei Vion in Perleberg statt, ganz im äußersten Nordwesten Brandenburgs, aber für den Süden ist wieder in Belgern der nächste. Der Naturverbund Müritz plant einen mittleren Schlachthof in Bollewick, Mecklenburg.

Mitarbeiter aus der Region findet man nur wie die Nadel im Heuhaufen.

— Heiner Lütke Schwienhorst, Vetschau
Heiner Lütke Schwienhorst, Vetschau (Spreewald). 500 ha AF (35 BP), 120 Milchkühe, 100 ha Wald, Käserei, Ferienwohnungen. Hat den Betrieb schon übergeben.

Die Herausforderung liegt darin, erfolgreiche Prozesse mit allen Akteuren der Wertschöpfungsketten zu gestalten: den landwirtschaftlichen Erzeugern, die unter Umständen erst neue Kulturen lernen müssen, den Bündlern, die in der jeweiligen Kategorie Erfahrungen und Vernetzungen mitbringen, den Packbetrieben und Verarbeitern sowie den eigentlichen Vermarktern, die für die Listung und Platzierung im Einzelhandel sorgen. Ein Vorteil der Hauptstadtregion sind die vielen unterschiedlichen Absatzkanäle mit ihren Großhandels- und Distributionsstrukturen. Bio-Company hat mit einem Einzelhandelsumsatz von knapp 240 Mio. € in Midgard seinen eigenen Großhändler, die Dennree-Niederlassung Berlin versorgt die eigenen denn’s Biomärkte, und eine Vielzahl weiterer Bioläden sowie der alte regionale Platzhirsch Terra Naturkost (100 Mio. € Großhandelsumsatz) versorgt alle übrigen Biomärkte einschließlich der 21 Alnatura-Filialen.

Die vier Großen des Lebensmittelhandels sind alle mit Niederlassungen in der Hauptstadtregion vertreten. Ebenso viele kleinere. Schließlich gibt es auch noch einen funktionierenden Großmarkt, auf dem viele kleinere Läden einkaufen, die überwiegend von Händlern mit Migrationshintergrund betrieben werden. Auch sie führen in Berlin viel Bio. Kaum Bio gibt es jedoch bei den Straßenständen der regionalen Saison-Klassiker Spargel und Erdbeeren.

Die drei führenden Biolieferservice haben einen Umsatz von zusammen 30 Mio. €. Dazu kommen die Außer-Haus-Verpflegung AHV, Bio Food-Service und Catering-Unternehmen. Dieser Bereich ist stark politikgetrieben. Der Berliner Vertriebsleiter Gemeinschaftsverpflegung bei TransGourmet, Deutschlands größtem Großverbraucher-Zustellhandel, leitet dort die »Arbeitsgruppe für die politische Ernährungswende in Deutschland« und die neue Biomarke Natura. Er ist Ansprechpartner für die Politik und berät den Berliner Senat bei der Kantine Zukunft und bei Fragen, was in Ausschreibungen möglich und machbar ist.

Und dann hat Berlin noch eine große Food-Start-up-Szene. Sie arbeitet oft, aber keineswegs immer mit Bioprodukten. Urban Gardening, die moderne Form von gemeinschaftlichen Kleingärten, vegetarische und vegane Gerichte, plant based food, vertikale Indoor-Gärten, Unverpackt-Läden bis hin zur Planung eines Food Campus Berlin (»From Lab to Farm to Table«) mit 15 000 m² Bürofläche und ebenso viel teils gläserner Lebensmittelproduktion mitten in Berlin.

Ohne den Krieg hätte ich 30 % Öko für absolut möglich gehalten.

— Anna Michel, Templin
Anna Michel, Templin. 500 ha AF (36 BP), Ferienwohnungen.

Fazit. Die große Brandenburger Herausforderung liegt in den praktischen Verbindungen zwischen den Landwirtinnen und Landwirten in ihrer Agrar-Welt und den städtischen Ökoszenen – und das in so unsicheren Zeiten.

Conrad Thimm, bio2030, Barth