Regionale Märkte weisen die Richtung
Nordrhein-Westfalen: Da fallen einem die rheinische Zuckerrübe, der westfälische Schinken, die Milch von den fetten Weiden des Niederrheins und der Weizen aus der Köln-Aachener Bucht ein. All das gibt es auch in Bio – aber nur zu sehr geringen Anteilen. Warum das so ist, sagt Gustav Alvermann.
Aktuell muss sich die Branche insgesamt, aber auch jeder einzelne landwirtschaftliche Betrieb neu definieren: Was ist unsere zentrale Aufgabe, welche Funktionen sind zusätzlich zu beachten, welcher Freiraum besteht dafür? Noch vor einem Jahr sagte Werner Schwarz, Bauernverbands-Präsident in Schleswig-Holstein und DBV-Vizepräsident: »Die Weltbevölkerung wird städtischer und hoffentlich wohlhabender und damit friedlicher. Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind weltweit günstige und zugleich hochwertige Lebensmittel. These: Wir werden sie nicht erzeugen.«
Nun ist Krieg in Europa. Ist die Welternährung damit wieder ein Thema für die deutsche Landwirtschaft? Wer in diesem Zusammenhang den weiteren Ausbau des ökologischen Landbaues grundsätzlich infrage stellt, vergisst: Diese Frage wird vor Ort entschieden. Die Politik kann Leitplanken setzen, aber reale Prozentzahlen ergeben sich aus individuellen unternehmerischen Entscheidungen. Nach wie vor gilt: Weltmarktorientierung erfordert internationale Kostenführerschaft. Es bleibt abzuwarten, welche Regionen und Betriebsformen diese Eigenschaft bei welchen Produkten entwickeln – im engen, teuren, reglementierten Deutschland.
Regionale Marktorientierung. Die nordrhein-westfälischen Biobauern jedenfalls gehen den gegenteiligen Weg. Sie haben deutschlandweit den mit Abstand größten Markt direkt vor der Haustür. Insgesamt 17,9 Mio. Menschen wohnen hier; kaum ein Landkreis ist dünn besiedelt. Ist Bio also ein Selbstläufer? Ackerbauer Peter Iven aus Bedburg bei Köln: »Ich habe das Gefühl, der Biomarkt ist verschlossener als der konventionelle. Bio ist zwar gesucht, dennoch wird man seine Erzeugnisse schwer los«. Ein aktuelles Zitat aus der LZ Rheinland. Da geht es den Biobauern ein Stück weit so wie den Fahrern von Elektroautos. Strom gibt es – aber zu wenige Tankstellen. Die Handels- und Verarbeitungsstruktur ist der begrenzende Faktor, um Erzeuger und Verbraucher zusammenzubringen. Die entsteht nur, wenn mit dem Segment Geld zu verdienen ist. Für rationelle Strukturen braucht´s die kritische Masse.
Mit 6,5 % Bioflächenanteil ist Nordrhein-Westfalen im Ländervergleich nur kurz vor dem Schlusslicht Niedersachsen angesiedelt. Der gesamtdeutsche Schnitt liegt bei 10 %, andere Bundesländer bei 12 – 15 %. Was hält die Landwirte in NRW zurück? In kaum einem anderen Bundesland musste sich der landwirtschaftliche Arbeitsplatz schon frühzeitig so mit dem gewerblichen und industriellen messen wie rund ums Ruhrgebiet. Hohe Wertschöpfung und intensive Nutzung der Fläche war von jeher eine wesentliche Orientierung vor allem links des Rheins und nördlich der Ruhr. Eine derart geprägte Landwirtschaft stellt man nicht einfach um, nur weil es eine mehr oder weniger interessante Flächenprämie gibt. Bei intensiven Landnutzungskonzepten entscheiden der Marktzugang und das realisierbare Ertrags- und Preisniveau.
Der Preisabstand wird sich wieder erhöhen, wenn mangels Umstellern die Biomilch knapp wird.
Bildbeschreibung: Die NRW-Karte zeigt regionale Ökoflächenanteile 2020 in Prozent. Besonders niedrige Werte stehen u. a. in Heinsberg (0,7 %), Coesfeld (1,5 %), Borken/Rhein-Neuss (1,8 %), Viersen (2,0 %), Steinfurt (2,1 %) und Warendorf (2,2 %). Über dem Landesschnitt liegen u. a. Paderborn (7,5 %), Rhein.-Berg. Kreis (10,9 %), Rhein-Sieg-Kreis (15,9 %), Oberberg. Kreis (16,8 %), Olpe (20,1 %) und Siegen-Wittgenstein (34,0 %). Markiert sind Gut Wilhelmshorst/Bielefeld, Betrieb Engemann/Willebadessen, Fam. Bolling/Wachtberg, Peter Zurmahr/Titz und Konrad Habel/Breckerfeld. Quelle: Stat. Dienste des Bundes und der Länder.
Lediglich die Grünlandregionen der Mittelgebirge punkten. Wo die Nutzungsintensität ohnehin schon gering ist (< 60 kg Mineralstickstoff pro ha LF in der Region) und eine Grünlandnutzung bei mehr als 1000 mm Niederschlag pro Jahr alternativlos, dort ist ein weiterer Schritt in Richtung Extensivierung naheliegend. Wer wollte etwas dagegen haben, wenn unter Verzicht auf energieintensiven Stickstoffdünger aus Gras, Klee und Kräutern hochwertige Nahrungsmittel gemacht werden? Auch ein Vegetarier beißt nicht gern ins Gras. 60 % der Biofläche in Nordrhein-Westfalen sind Dauergrünland mit Schwerpunkten im Sauerland, im Rothaargebirge und der Eifel. Richtig interessant für die Landwirtsfamilien wird dieses Geschäftsmodell erst dann, wenn auch Rindfleisch aktiv und erfolgreich im Markt platziert wird. Hier dürfte die bäuerliche Erzeugergemeinschaft BIO-Fleisch NRW eG in Bergkamen mit 110 Mitgliedsbetrieben ein wesentliches Betätigungsfeld haben. Neben den drei auch in Nordrhein-Westfalen großen Anbauverbänden Bioland, Naturland und Demeter spielt für die Grünlandregion der Biokreis eine besondere Rolle. Er sieht seine Kunden vornehmlich im Naturkostmarkt und arbeitet mit dem Vermarkter Thönes Naturverbund am Niederrhein eng zusammen.
Die Biolandwirtschaft in NRW prägen auf höhere Wertschöpfung bedachte Nutzungskonzepte. Beim Bioflächenanteil ist NRW im Ländervergleich zwar hinten. Aber bei bestimmten Produkten weit vorn: Freilandgemüse zweitgrößte Anbaufläche nach Bayern, Milcherzeugung vierter Platz nach Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen, Eier vierter Platz nach Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Zudem dürfte NRW mit den insgesamt meisten Schweinehaltern in Deutschland im Biosegment ebenfalls punkten. Geschätzt gut 15 % der jährlich 400 000 Biomastschweine in Deutschland dürften von dort kommen. Aus Sicht der Schlachtunternehmen und Verarbeitungsbetriebe noch viel zu wenig.
Bio in Nordrhein-Westfalen bedeutet, wenn man’s trotzdem macht. Wo die Landwirtschaft regionale Geschäftsmodelle entwickelt hat, die richtig gut funktionieren oder lange Zeit funktioniert haben, ist Bio vergleichsweise wenig vertreten. Die Landwirtschaftskammer hat eine Reihe von Betriebsporträts herausgegeben, die die individuellen Konzepte verdeutlichen.
Der Vorfruchtwert von Leguminosen wird jetzt zur Alternative zu Mineral-N.
Bioackerbau auf Gunststandorten. »Auch wenn man 7 t/ha Biogetreide nicht einfach so aus dem Ärmel schüttelt, so sind die Erträge auf Gunststandorten wie der Köln-Aachener-Bucht auch im Ökolandbau stabil, und der Öko-Ackerbau macht ökonomisch Sinn«, sagt Peter Zurmahr in Titz. Auch in NRW ist der Bioackerbau auf Gunststandorten kaum vertreten (unter 3 % Flächenanteil). Es fehlt der ökonomische Druck, etwas anderes zu versuchen. Bio dampft sich dann auf die persönliche Entscheidung zusammen.
Auf guten Standorten lassen sich durchaus 2/3 des konventionellen Ertrages erzielen. Der für ganz Deutschland geltende halbe Ertrag beim Biogetreidebau resultiert u. a. daraus, dass marginale Standorte überproportional stark vertreten sind (z. B. Brandenburg). Tiefgründiger Löß dagegen lässt sich einfach bearbeiten, ist umsatzaktiv, speichert viel Wasser und verliert bei 600 mm Jahresniederschlag kaum Stickstoff. Hier entscheidet die Praxis den Ertrag, weniger Standortgrenzen oder Witterungsunbilden. Regionen oder Bewirtschaftungskonzepte, die »bio« lediglich den halben regionalen Ertrag beim Getreide zulassen, sind keine Gunststandorte für diese Bewirtschaftungsweise!
Reine Biogetreidebaubetriebe wie in anderen Bundesländern gibt es in NRW kaum. Selbst die »Kornkammer Haus Holte«, ein Biobetrieb aus Witten, der dieses Produkt im Namen trägt, begnügt sich nicht mit der arbeitsextensiven Kultur. Neben hohen Erträgen aus Kleegras-Vorfrucht und Gärrest-Düngung setzt man dort auf Kartoffeln als Hackfrucht. Eine Bäckerbelieferung des Getreides und die Direktvermarktung der Kartoffeln komplettieren das Wertschöpfungsprofil. Noch eine Stufe intensiver wäre nur noch das Gemüse. Wie bei Jürgen Henschel, Gut Giffelsberg in Kerpen: »Wir sind jetzt im zweiten Umstellungsjahr, erweitern unsere Fruchtfolge deutlich und entwickeln uns Schritt für Schritt von einem ehemals Low-Input-Betrieb mit zwei Arbeitskräften zu einem sehr vielseitig aufgestellten Acker- und Gemüsebaubetrieb, der zusätzlich einen Lehrling und zahlreiche Saisonarbeitskräfte beschäftigt«.
Schon die Thünschen Kreise besagen, dass der Gemüsebau auf geeignetem Standort und vorhandenem Regionalmarkt eine Intensivierungsvariante ist. Das Feldgemüse erhält in Bio die Bedeutung der Zuckerrübe im Konventionellen. Es verwertet allerdings den gleichermaßen hohen Handarbeitsaufwand ökonomisch besser. In Nordrhein-Westfalen gibt es viele gute Beispiele, die ihre Wertschöpfung im Zuge der Umstellung über diesen Weg entwickelt haben.
Hemmende und treibende Faktoren für Bio: Regionale Bioflächenanteile und Eigenheiten auf Kreisebene.
| Regionale Eigenheiten | Kreise | Bioflächenanteile |
|---|---|---|
| Unter Landesschnitt (6,5 % Biofläche) | ||
| Hoher Hackfruchtanteil | Heinsberg; Rhein-Neuss; Viersen | 0,7 %; 1,8 %; 2,0 % |
| Hoher Schweinebesatz | Coesfeld; Steinfurt; Warendorf | 1,5 %; 2,1 %; 2,2 % |
| Hoher Rinderbesatz (+ Schweine) | Borken; Kleve; Wesel | 1,8 %; 2,6 %; 3,1 % |
| Hohe Weizenerträge | Rhein-Erft; Düren; Soest | 2,3 %; 3,0 %; 3,6 % |
| Über Landesschnitt | ||
| Gemischtbewirtschaftung in Übergangslagen | Paderborn; Rhein.-Berg. Kr.; Rhein-Sieg Kreis | 7,5 %; 10,9 %; 15,9 % |
| Niedrige N-Intensität/ha (= hoher Anteil extensives Grünland) | Oberberg. Kreis; Olpe; Siegen-Wittgenst. | 16,8 %; 20,1 %; 34,0 % |
Unterschiedliche Einschätzungen hört man zur Milch. Schwierig, sagen Dominik und Dr. Jessica Paßmann aus Alfter (konventionell): »Ohne eine Biomolkerei wird es nicht funktionieren – und die sind im westdeutschen Raum nicht vorhanden oder suchen keine neuen Lieferanten«. Positiv gestimmt ist dagegen Konrad Habel aus Breckerfeld (biologisch). »Wir sind mit der Wirtschaftlichkeit zufrieden.« Er setzt auf ein Vollweidesystem und hat damit eine deutlich geringere Kostensteigerung als die »Vollgas-Melker« zu verzeichnen. Sein System funktioniert in der Tat so ähnlich wie 110 km/h auf der Autobahn. Man spart viel Sprit und kommt nur fünf Minuten später an. Letztlich ist es der hohe Energieeinsatz intensiver Erzeugungsverfahren, der jetzt zu einer Annäherung der Erzeugungskosten führt.
Das Gleiche stellt Bioackerbauer Andreas Engemann aus Westfalen-Lippe fest. Sein Ackerbau basiert zu 100 % auf mit Solarenergie gebundenem Stickstoff aus Leguminosen – und für den gibt es auch jetzt keine höhere Rechnung. Zentral für die Chancen der Biomilch dürften ein sicherer Futterwuchs des Standortes sein und nicht zu hohe Pachten. Sind regionale Erfasser nicht oder kaum vorhanden, so bleibt die Umstellungsüberlegung meistens theoretisch. Hinzu kommt, dass die konventionellen Milchauszahlungspreise, getrieben durch Kostensteigerungen auf Erzeugerebene und eine tendenziell geringe Marktversorgung, zum Teil massiv steigen. So kommt es zu der grotesken Situation, dass Bioverarbeiter zum Teil mit ihren Auszahlungspreisen hinter das Niveau einzelner konventioneller Molkereien zurückfallen. Während die Bioverarbeiter preislich in Lieferverträgen mit dem Naturkosthandel oder auch Discountern festhängen, reichen konventionelle Spot-Markt-Belieferer die hohen Erlöse 1 : 1 durch. Aus dem Rindfleischmarkt und auch vom Getreide gibt es ähnliche Berichte. Auch wenn das eine kurzlebige Situation sein sollte – erst mal ist es keine gute für eine Umstellung auf Bio.
Wem bieten Bioschweine Chancen? NRW hat bundesweit die meisten Schweinehalter, den größten Schlachthof und einige äußerst versierte Spezialberater für dieses Thema. Und dennoch stellen trotz einer immer noch nicht überwundenen tiefen Krise der konventionellen Branche die Schweinehalter nicht reihenweise um. Begrenzend wirken die Verhältnisse im einzelnen Betrieb und deren Zusammenspiel. Der Stallumbau und dessen rasant steigende Kosten, knappe Ferkel für die Mäster und knappes und teures Futter sind wesentliche Hemmschuhe. Betriebe, für die es dennoch passt, haben wiederum sehr unterschiedliche Konzepte.
Familie Bollig vom Wittfelder Hof in Wachtberg-Villip: »Wir haben uns für die Diversifizierung entschieden und halten jetzt 80 Biosauen. Wir haben recht bald zwei feste Abnehmer für die Ferkel finden können.« Mit der Stadtnähe zu Bonn und Meckenheim sind dabei gute Voraussetzungen für den Hofladen zur Direktvermarktung eigener Mastschweine sowie von Eiern und Masthähnchen gegeben.
Daneben gibt es auch stärker auf die reine Erzeugung fokussierte Betriebe. Direktvermarktung kann für Hendrik Holzmeier aus Hüllhorst im »ländlichen« Kreis Minden-Lübbecke, der mit 1500 Biomastplätzen schon allein 1 % der deutschen Bioschweineerzeugung abdeckt, keine zentrale Option sein. Auch 450 ha Ackerbau und eine in den Betriebsablauf integrierte Biogasanlage brauchen Rationalisierung. Solche Betriebe passen zu größer dimensionierten Lieferketten. Insbesondere die schrittweise Umnutzung der Ställe war für Mäster eine wesentliche Stütze für die Gesamt-Betriebsumstellung: »Eine erzwungene Produktionspause durch Leerstand und Umbau aller Gebäude in einem Schritt hätte uns direkt in die Pleite geführt,«, sagt Holzmeier. Die aktuellen Versorgungsprobleme mit hochwertigem Eiweiß sieht der versierte Mäster entspannt. Soja-Molke als Restprodukt eines Tofu-Herstellers entspricht seinem Streben nach sinnvoller Kreislaufwirtschaft. Und schon sitzen Vegetarier und Schnitzelfreunde wieder an einem Tisch.
Die hohen Um- und Neubaukosten schrecken potentielle Umsteller ab.
Fazit. Ökologische Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen hat nicht die Intention, einen anonymen Rohstoffmarkt zu bedienen. Der unternehmerisch anspruchsvolle Weg einer Regional- bzw. Direktvermarktung prägt nahezu alle landwirtschaftlichen Betriebsformen. Eine extensive Bewirtschaftung findet sich sinnvollerweise in den Grünlandregionen der Mittelgebirge. Ackerland wird dagegen durch das Organisieren von Nährstoffkreisläufen respektive durch eine eigene Tierhaltung und den Einbau von Hackfrüchten in die Fruchtfolge vergleichsweise intensiv genutzt. Nordrhein-Westfalens Biobauern können mit 3 % Anteil an der Ackerfläche die weltweiten Ernährungsprobleme weder verursachen noch ultimativ lösen. Sie sehen ihre Rolle im Aufbau funktionierender regionaler Lieferketten für hochwertige landwirtschaftliche Produkte.
Gustav Alvermann, bio2030.de